Berlin – Mit Geisterbahnen auf dem Münchner Oktoberfest ist es ja so: wirklich gruselig sind sie nicht. Für den FC Bayern war das Spiel am Freitagabend bei Hertha BSC Berlin hingegen eine wirklich schaurige Geisterbahnfahrt. Es setzte eine 0:2-Pleite, völlig unvermutet und die nächsten Punktverluste nach dem 1:1 gegen Augsburg unter der Woche. Es war die erste Pleite unter Niko Kovac.
Es heißt ja immer, dass man mit der Herausforderung wächst. In dieser Bundesliga-Saison hatte sich für den FC Bayern noch keine anstrengende Aufgabe ergeben, doch am Freitagabend stand das Team von Kovac dann zur Pause unvermittelt vor einem unerwartet großen Kraftakt. 0:2 lagen sie nach 45 Minuten zurück, nicht unverdient – so sah man die Münchner in dieser Spielzeit noch nicht. Bereits nach gut einer halben Stunde steckten die Trainer auf der Bank die Köpfe zusammen; was sollte man nun unternehmen? Kovac hatte wieder einmal kräftig rotiert, sechs Wechsel im Vergleich zum ebenfalls nicht zufrieden stellenden 1:1 gegen Augsburg. Es gab Alternativen, unter anderem Thomas Müller.
Berlins Coach Pal Dardai hatte am Dienstag offensichtlich aufmerksam zugeschaut. Ähnlich wie die Augsburger ließ er seine Herthaner früh attackieren. Sein Team ist ein junges, gut zu Fuß – es setzte den Bayern tüchtig zu, obwohl die eigentlich auch nicht gerade behäbig waren (vor allem Franck Ribery verdiente sich Fleißkärtchen).
Vor allem die linke Abwehrseite der Münchner hatten die Hausherren als angreifbar ausgemacht; in der 22. Minute flanke Ondrej Duda auf Vedad Ibisevic, dessen Kopfball Manuel Neuer mit Mühe parierte. Salomon Kalou erwischte den Ball, Jerome Boateng kam zu spät und grätschte ihn um – Elfmeter. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Bayerns Innenverteidiger keine gute Figur abgab. Ibisevic ließ sich den Elfmeter nicht nehmen, Neuer hatte keine Chance. Unmittelbar vor der Pause düpierten die Berliner dann zunächst David Alaba, dann erneut Boateng, und auch Renato Sanches kam zu spät – Duda hämmerte den Ball am Ende der feinen Stafette unter die Latte. Die Münchner hatten seit fünf Auswärtsspielen bisher kein Tor kassiert.
Die Bayern wurden in der zweiten Hälfte zunehmend hektisch, und während im ersten Durchgang Boateng, Joshua Kimmich und Arjen Robben noch Chancen hatten, musste Thomas Kraft im Tor der Berliner gar nicht mehr eingreifen. Erst in der 68. Minute musste er sich mal einschalten, nach einer Ecke kamen daher Lewandowski und James nicht mehr heran. Kovac setzte im Verlauf immer mehr auf Offensive; er brachte Müller für Robben und Serge Gnabry für den defensiveren Sanches, der nach zwei starken Spielen diesmal eher blass geblieben war. Für die letzten 20 Minuten kam sogar Sandro Wagner, für ihn musste James weichen. Die Kräfte der Berliner schwanden, die Ballbesitzanteile der Münchner stiegen – die Bayern näherten sich dem Torerfolg. Gnabry setzte eine Direktabnahme vorbei. Doch die Überlegenheit schlug sich nicht nieder. Stattdessen wirkte Bayern bald ratlos.
So schnell kann es gehen im Fußball – noch eben wurden die Bayern für ihre Dominanz gelobt oder gefürchtet, je nach Sichtweise. Nach der mageren Woche aber könnten sie sich am Ende dieses Spieltags auf dem dritten Tabellenplatz wiederfinden; sowohl Dortmund im Top-Spiel am heutigen Samstag in Leverkusen als auch die in Stuttgart antretenden Bremer haben die Chance, vorbeizuziehen. Wer hätte gedacht, dass man auch an der Aufgabe Bundesliga wachsen muss? Gruselige Vorstellung für die Bayern-Fans – ganz abseits der Geisterbahnen auf dem Münchner Oktoberfest.