„Sommermärchen 2.0 – ausgeschlossen“

von Redaktion

Erwartungen für die EM 2024 – Seit 2006 hat sich in Deutschland vor allem die gesellschaftliche Lage verändert

VON GÜNTER KLEIN

Nyon – Die „Tagesthemen“ brachten zum Ausklang des Tages noch ein Interview mit Reinhard Grindel, „das wir am frühen Abend aufgezeichnet haben“. Klar, denn am späten Abend wäre der Präsident des DFB wohl nicht mehr in Form für die Kameras gewesen. Man hatte sich ja vorgenommen, für den Fall des Falles (geglückte Bewerbung um die Europameisterschaft 2024) im „Mannschaftshotel“ bei Genf zu feiern, wo die deutsche Delegation sich auf die Präsentation (ein 15-minütiges Frage-Antwort-Spiel mit den Mitgliedern des UEFA-Exekutivkomitees) vorbereitet hatte.

Grindel in den „Tagesthemen“. Genauso euphorisch wie am Nachmittag in Nyon in der UEFA-Zentrale am Genfer See, als Aleksander Ceferin, der Boss des Kontinentalverbands, um 15.20 Uhr „Germany“ als Gewinner der Abstimmung verkündete. Grindel umarmte seinen Sonderbotschafter Philipp Lahm; ein paar Minuten später war die kurze Videosequenz, wie Lahm in der Anzugmasse Grindel fast verschwindet, unter dem Hashtag „Love wins“ (Liebe siegt) bereits ein Renner in den sozialen Netzwerken. Grindel hielt dann einige seiner Politikerreden. Der Tenor: 2024 wird ganz großartig sein. So wie 2006 war. Das Sommermärchen, es wird neu aufgelegt. In der Bewerbung war das positive WM-Erlebnis von vor zwölf Jahren auch ein starkes Argument für Deutschland gewesen.

Rainer Koch, der einflussreichste aus der DFB-Vizepräsidentenschar, geht bei dem Thema auf die Bremse. 2024 wird eine Europameisterschaft sein, 2006 war eine Weltmeisterschaft. Und auch wenn das EM-Turnier sich mit inzwischen 24 Teilnehmern dem noch gültigen WM-Format mit 32 Teams annähert, „ist das schon noch ein Unterschied“, sagt Koch. EM bedeutet halt auch: Keine Brasilianer und Argentinier, die immer Magie mitbringen, keine afrikanischen Nationen, auf die man neugierig sein kann, kein Australien, kein Japan, kein Korea .- sie alle tragen zum Flair bei, das einen Welttitelkampf ausmacht. Statt ihrer werden Länder teilnehmen, die man aus den als langweilig empfundenen Qualifikationsrunden in Europa kennt und aus der Vorrunde von 2016, der ersten aufgeplusterten EM, bei der Deutschland sich an Betonabwehrreihen aus der Ukraine und Slowakei wundspielen musste.

Der DFB kann nur hoffen, dass der womöglich zu erwartende sperrige Fußball dennoch seine Faszination entwickeln kann – denn mit der EM-Ausrichtung ist das große Ziel verbunden, die Basis im Land zu verbreitern. Das ist der Langzeitgedanke hinter dem „Leuchtturmprojekt“, wie Grindel es nennt: Dass die Amateurvereine durch das EM-Erlebnis regen Zulauf von Kindern erhalten mögen. Doch auch hier gilt: 2024 ist ein ganz anderes Zeitalter als 2006.

Koch: Digitalisierung verändert die Jugendkultur

„Es ist kein Selbstläufer mehr, dass die Jungen und Mädchen zum Fußball finden wie nach 2006 oder nach der Frauen-WM 2011, als wir die meisten Neuanmeldungen hatten“, sagt Rainer Koch. „Die Jugendkultur hat sich verändert durch die Digitalisierung und wird es weiter tun.“ Zum Wettbewerber um das Zeitbudget der jungen Generation sind Spielkonsole, Internet und Smartphone geworden, 2006 war da noch ziemlich unschuldig. Es gab Handys, mit denen man SMS schreiben konnte. Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt. Bei der WM 2006 starrte noch niemand während des Spiels unentwegt auf das kleine Ding in seiner Hand. Die Leute hatten noch Gelegenheit, freundlich zueinander zu sein.

„Die Welt zu Gast bei Freuden“ – dieses Motto stand über der Weltmeisterschaft 2006. Auch in Nyon hörte man wieder den Satz, Deutschland werde 2024 sich als „weltoffenes Land“ präsentieren. Genau das muss aber bezweifelt werden.

„Ich bin der felsenfesten Überzeugung: Es gibt in der deutschen Gesellschaft kein Element, das die Menschen mehr zueinander führt als der Fußball“, sagt Reinhard Rauball. Der Jurist aus Dortmund ist Präsident des Ligenverbandes und Profibereichs. Doch er führt sich auch vor Augen, „wie stark die traditionellen Parteien abdriften und welche Auswucherungen es an den Rändern gibt“.

2006 hatte Deutschland lässige Jahre der rot-grünen Regierung hinter sich, und nach dem Wechsel war Angela Merkel eine frische Bundeskanzlerin. Und eine allseits bewunderte Figur: Frau aus dem Osten, Wissenschaftlerin, die sich in der gesamtdeutschen Politik durchsetzt – Respekt. Ein Rechts-Problem hatte Deutschland nicht; allein in Brandenburg kam es zu einigen Übergriffen gegen Ausländer, die Regionen wies man zur WM als „No go areas“ aus. Gegen Patrick Owomoyela, einen damaligen Nationalspieler, einen der ersten mit Migrationshintergrund, der es aber nicht in den WM-Kader schaffte, hatte es in einer Broschüre der NPD Anfeindungen gegeben. Doch es war ein Einzelfall.

„Zu Gast bei Freunden“ – geht das in einem AfD-Land?

Zwölf Jahre später ist vom Geist des Sommers 2006, in dem die Deutschen sich unbefangen in Schwarz-Rot-Gold auf den Straßen zeigten, wenig geblieben. Wo heute Fahnen geschwenkt werden, ist womöglich der Hitlergruß (wie in Chemnitz) nicht weit. 2010 und 2014 war die Nationalmannschaft mit ihrem nun multikulturellen Anstrich noch als Leitbild für die Gesellschaft gefeiert worden – doch die aufkommende Partei AfD hat das Klima verändert. Alexander Gauland brüskierte 2016 den Nationalspieler Jerome Boateng als jemanden, den man nicht zum Nachbarn haben wolle, Beatrix von Storch lästerte nach dem EM-Halbfinal-Aus vor zwei Jahren, vielleicht sollte beim nächsten Turnier „eine DEUTSCHE Nationalmannschaft“ spielen. 2018 fielen AfD-Vertreter mit Hetze gegen Mesut Özil auf und mit verächtlichen Posts in Richtung des neuen Weltmeisters Frankreich: „Die afrikanische Auswahl.“ Schwer vorstellbar, dass ein Deutschland, in dem laut Umfragen beinahe jeder Fünfte der AfD anhängt, die Gäste umarmen wird wie im Sommer 2006. Und die Frage ist auch; Ist die Gesellschaft mittlerweile und voraussichtlich in sechs Jahren nicht so gespalten, dass sich Mitte-links und Rechts für ein paar Wochen wegen des Fußballs aneinanderschmiegen wollen? In einigen Vereinen wie Eintracht Frankfurt und Werder Bremen gibt es klare Abgrenzungen von AfD-Sympathisanten.

Die sportlichen Probleme wiegen weniger schwer als die gesellschaftlichen. Mit von nun ab knapp sechs Jahren hat man genügend Zeit, „eine Geschichte zu entwickeln“ (Grindel). Um die Probleme weiß man. „Es ist eine Menge zu tun. Auf einigen Positionen sind wir personell nicht gut besetzt“, sagt Reinhard Rauball, Aber so, ja eigentlich noch weitaus krasser, war es auch 2000, als man die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2006 übertragen bekam. Zur Geschichte damals trug auch eine Mannschaft bei, die sich für ein paar Wochen übertraf. Der Anspruch hat sich geändert seitdem. Deutschland muss der Turnierfavorit sein.

2024 wird mit 2006 so wenig zu tun haben wie die EM 1988 mit der WM 1974 oder die WM 2006 mit der EM 1988. Verschiedene Epochen. Die EM 2024 wird eine Geschichte schreiben müssen, die heute noch nicht abzusehen ist. „Ein Sommermärchen 2.0“, meint Reinhard Rauball, „halte ich für ausgeschlossen“.

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