ZWISCHENTÖNE

Ein Zuckerl zum Trost

von Redaktion

Ganz so überraschend war es nun nicht, dass der DFB-Präsident Reinhard Grindel unmittelbar nach der Vergabe der EM 2024 an die Bundesrepublik von einem „guten Tag“ für die Profis, aber ausdrücklich auch für die „Amateure in Deutschland“ gesprochen hat. Grindel ist gelernter Politiker und weiß genau, dass er zur Wiederwahl an die DFB-Spitze gerade die Amateure dringend braucht.

Seit seinem Amtsantritt hat er ja so viele Freunde nicht dazugewonnen, die Vertreter der Profis halten ihn für wenig professionell, die Amateure wiederum fühlen ihre Interessen durch Grindel schlecht vertreten. Wohl zu Recht, der Grundlagenvertrag zwischen dem DFB und der DFL, der Dachorganisation der Profiklubs, wurde unter Grindel problemlos verlängert, was den Amateurfußball, wie Kritiker vorrechnen, bis zu 50 Millionen Euro im Jahr kostet. Viel Geld, das die Basis dringend bräuchte.

Schön für Grindel, nun also den Vereinen zum Trost ein echtes Zuckerl zuwerfen zu können, die EM in Deutschland werde dem Fußball einen ähnlichen Schub geben wie 2006 das „Sommermärchen“. Es ist ja längst nicht mehr so, dass der Fußball ein Selbstläufer ist, dem die Kids in Scharen nachrennen, man macht sich, gerade auf dem flachen Land, durchaus Sorgen. In den Ballungszentren allerdings ist die Situation ein bisschen anders, da könnte ein Boom, ausgelöst durch die EM, die Not nur weiter verschärfen. Längst gibt es in großen Städten Vereine, die keine Kinder mehr aufnehmen, die Platzkapazitäten reichen einfach nicht, Jugendmannschaften müssen sich für das Training einen Platz teilen. Neben strukturellen Defiziten gebe es bürokratische Hemmnisse, finanzielle und personelle Engpässe, mangelhafte Anerkennung des Ehrenamts, wie gerade eine neue Initiative in München beklagt.

Grund in München ist knapp. Und teuer. Der Zuzug aber ungebremst. Wo, fragen Vertreter Münchner Sportvereine, die sich zu nun zu einer Interessengemeinschaft zusammengetan haben, sollen sich die Menschen noch bewegen, wo Sport treiben? Ziel ist, die gesellschaftliche und politische Wahrnehmung des Vereinssports zu steigern, mehr Anerkennung und eine verbesserte Förderung des Breitensports in München zu generieren. Die Stadt investiert zwar kräftig in Bau und Sanierung der Bezirkssportanlagen, aber es reicht halt vorne und hinten nicht. Im Gegenteil, angesichts explodierender Immobilienpreise droht ein weiterer Verlust von Sportflächen.

Und das in München, der deutschen Sportstadt Nummer eins. So sieht es jedenfalls das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut HWWI, bezieht sich dabei aber vor allem auf Erfolge im professionellen Fußball, Basketball und Eishockey. München ist (noch) keine Sportstadt, behauptet dagegen die Interessengemeinschaft, die den Sport in der Breite betrachtet. Und da ist die Mängelliste ellenlang, dabei werde „nirgendwo Integration und Gemeinschaft so gelernt und erlebt wie in unseren Sportvereinen“. Doch diese „unglaubliche Kraft des Sports“ werde nicht effizient genutzt.

Bestimmt freuen sich auch die Vereine in München auf die EM 2024 in Deutschland. Ob sie aber die Euphorie des DFB-Präsidenten uneingeschränkt teilen können, sei mal dahingestellt. So eine EM kostet erstmal viel Geld, keine Kürzungen für die Breite durch die Spitze lautet aber eine der Forderungen der Initiative. Und ein Mitglieder-Boom, ausgelöst durch ein neues „Sommermärchen“, würde die Probleme eher verschärfen. Außer, der DFB schafft es endlich, von den immensen Summen, die im Profifußball und bei einer EM umgesetzt werden, einen gerechten Anteil für die Amateurklubs abzuzweigen. Sie sind es, die künftigen Superstars den Spaß am Fußball vermitteln. Ehrenamtlich. Aber mit vollem Einsatz.

Von REINHARD HÜBNER

Für den Amateurfußball ist die EM 2024 nicht nur Grund zur Freude. Die aktuellen Probleme vor allem in den Ballungszentren könnten sich noch verschärfen.

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