München – Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass an der Sportschule Hennef Psychologie auf dem Lehrplan steht, sobald der Herbst begonnen hat. Viele Teams schleppen ein kleines Kopfproblem mit sich rum, wenn die Saison ein paar Spieltage alt ist, auch der TSV 1860 möglicherweise. In keinem Spiel der 3. Liga haben die Löwen vor der Pause einen Gegentreffer kassiert – immer wieder bringen sie sich dafür in der Schlussphase um Punkte und Siege. Es ist ein Thema, das 1860- Coach Daniel Bierofka umtrieb, als er Montagnacht zum Fußballlehrer-Kurs fuhr – und das er prompt wieder serviert bekam, als er vor dem Spiel in Meppen zur Münchner Presse sprach.
Die Häufung später Gegentore gibt jedenfalls Rätsel auf, und Bierofka, der Musterschüler, hat am Freitag eine Idee geäußert, wie sich diese mentale Schwäche womöglich in den Griff bekommen lässt. „Da gibt’s keine Psychotricks“, brummte er, sprach von harter Arbeit auf dem Platz, von Einzelgesprächen und Sensibilisierung für diese Anfälligkeit. Dann aber ließ er seinen Bauch sprechen. „Das Allerwichtigste ist wahrscheinlich, dass man die Spieler nicht auch noch vollquatscht mit dem Thema“, sagte er: „Damit verstärkst du das nur unterbewusst.“
Nach 13 Punkten im Fach Physiologie scheint Bieroka auch in Psychologie gut dabei zu sein. Allerdings: Das mit dem Ignorieren ist gar nicht so einfach. Bierofka selbst war es am Freitag, der aus einem Zahlenwerk zitierte, das ihm irgendwo vorgelegt worden sei. „Ich hab letzthin eine Statistik gehört, dass wir bis zur 81 Minute Tabellenführer wären“, brachte er die Misere mit den späten Gegentreffern auf den Punkt. Sein Rückschluss: „81 Minuten war alles gut anscheinend. Und wenn wir die neun Minuten auch noch hinkriegen, dann sind wir dabei, eine richtig gute Mannschaft zu werden.“
Weil Bierofka selbst aber nicht der Geduldigste ist, hofft er darauf, dass dieser Entwicklungsprozess beschleunigt werden kann – womöglich schon bis zum Sonntag, bis zum schweren Auswärtsspiel in Meppen. „Wir müssen einfach lernen, ruhiger zu verteidigen“, sagte er: „Wir werden hinten raus ein bisschen zu hektisch.“ Und noch ein nicht unwesentlicher Aspekt: „Man darf es auch nicht immer an der Abwehr festmachen“, findet der Coach: „Wir müssen einfach mal das 2:0 erzielen und das Spiel vorher beenden. Sonst glaubt der Gegner bis zur letzten Minute, dass noch ein Ball durchrutschen kann.“ Aufkeimende Hysterie im Umfeld hält der Trainer für verfrüht, wie er mit mahnendem Unterton feststellte: „Wir sind Aufsteiger, haben von den letzten sechs Spielen eins verloren – und hier wird gleich wieder die große Krise ausgerufen. Dem kann ich nicht ganz folgen.“
Denkbar ist, dass in Meppen Jan Mauersberger mithelfen wird, die von Bierofka gewünschte Ruhe auszustrahlen. Seit dem ersten Spieltag in Kaiserslautern wartet der routinierte Abwehrhüne auf einen Einsatz in der Startelf. Nun, schon um nach außen ein Zeichen zu setzen, könnte es sein, Mauersberger, 33, einen seiner jungen Nachfolger in der Innenverteidigung (Weber, 23 oder Lorenz, 21) ersetzen wird. „Jan ist für mich immer eine Überlegung wert“, sagte Bierofka; „Schon aufgrund seiner Erfahrung.“
Beim letzten Gastspiel in Meppen hatten die Löwen reichlich davon: Maurer, Pacult, Winkler und wie sie alle hießen. Bierofka selbst war erst 15 Jahre alt, als die Generation Pacult 1994 in Meppen den Bundesliga-Aufstieg klarmachte. Doch es gibt Szenen, an die er sich noch heute erinnern kann: „An den Doppelpass Pacult-Winkler vor dem 0:1.“ An den Platzsturm der glückseligen Fans: „Gänsehaut pur!“ Und auch an seinen Papa Willi, der sich ein Fläschchen aufgemacht habe.
Ein Sieg am Sonntag würde wahrscheinlich nicht ganz so viele Emotionen auflösen – wichtig wäre er dennoch, vor allem mal ohne Gegentor den letzten Minuten.