Im Herbst befällt den Menschen die Depression. Älter fühlt man sich, die Aussicht auf Kälte raubt die Laune – der Herbst ist vielleicht was für ein paar Romantiker, die gerne im bunten Laub rascheln, ansonsten aber öffnet er nicht zwingend die Herzen, im Gegenteil: er verschließt sie. Niko Kovac hat das Glück, dass er und der FC Bayern erst im Sommer angebandelt haben. So schnell erkaltet eine neue Liebe nicht. Noch ist es Satire, wenn man zum Beispiel schreibt, dass Jupp Heynckes weise war, seine Telefonnummer zu wechseln – und die neue Uli Hoeneß zu verschweigen. Vom siebten Himmel ist in München in der Herbstdepression dennoch nichts mehr übrig.
Vor einem Jahr trennte man sich von Carlo Ancelotti, doch ein Vergleich hinkt. Das „Ciao“ war damals überfällig, man konnte dem Team zusehen, wie es zerfällt. Diesmal sind die Stars fit und laufen fleißig, Moral und Wille scheinen intakt. Doch das macht die Bewertung noch schwerer: Irgendwas fehlt, ganz offensichtlich.
Der FC Bayern ist endgültig im Herbst angekommen, im Spätherbst sogar. Es ist nicht zu erkennen, wie sich ein neuer Frühling einstellen soll. Die alten Recken sind engagiert – und besser als die jungen –, aber es gibt keine Innovation, keinen Mut zur Innovation, und hier landet man beim Trainer und der Frage, wie viel ihm da anzulasten ist. Niko Kovac hat die Aufgabe bekommen, einen Übergang einzuleiten. Das ist spannend, interessant – und ganz gewiss nicht einfach. Er muss auf etliche Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, ohne dass seine Autorität leidet. Wie schnell die Stimmung kippen kann, hat er nun im Crashkurs erfahren. Anfangs attestierte ihm alle Welt, er habe das richtige Gespür für einfach alles. Nun melden sich wieder die Zweifel, die ihn bei der Verpflichtung begleiteten: Hat er Bayern im Kreuz? Vor allem diese Bayern mit ihren anspruchsvollen Egomanen?
Dass nach außen durchdringt, wie sich im Team der Unmut regt, ist ein schlechtes Zeichen. Und prekär ist auch, wie der jüngsten Misere auf dem Platz entgegengesteuert wird: Gar nicht. Das Offensivspiel lahmt, die Defensive steht schief, doch es gibt keine Korrekturen. Kovac’ Konterfußball aus Frankfurt lässt sich nicht in München überstülpen, hier hat man sich einem feineren Fußball verschrieben. Der Kader wurde im Sommer nur geringfügig verändert, doch das wurde damals noch gelobt; gegen Vernunft als oberstes Gebot ist ja nichts einzuwenden. Die Impulse erhofft man sich vom Trainer – gerade im Herbst, gerade in München, wo man sich fußballerisch immer nach dem siebten Himmel sehnt.
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