München – Die Wege in München sind Vasilije Micic noch geläufig. Der serbische Basketball-Profi schaut alle paar Monate mal wieder in der Landeshauptstadt vorbei. Aus privaten Gründen. Morgen abend hat er zur Abwechslung mal eine dienstliche Visite vor sich. Um 20.30 Uhr tritt Micic zum Euroleague-Auftakt mit Anadolu Istanbul beim FC Bayern an.
Doch der Mann, der heute erstmals als Profi in den Audi Dome zurückkehrt, hat nicht mehr viel zu tun mit dem basketballerischen Rohdiamanten, der die Arena am Westpark Mitte der Saison 2015/16 verließ. Mit gerade 24 Jahren ist Vasilije Micic schon ein gestandener Euroleague-Pointguard. Lenker eines Teams, in dem viele zumindest einen der Geheimfavoriten in dieser Spielzeit der Königsklasse sehen.
Kaum zu glauben eigentlich, dass er München einst mit dem Ruf des Gescheiterten verließ. Mitten in der Saison war der, von kleineren Verletzungen geplagte Micic nach Belgrad umgezogen, weil Trainer Svetislav Pesic ihm nach der Verpflichtung des US-Amerikaners K.C. Rivers als siebten Ausländer keine Minuten mehr in Aussicht stellen wollte. „Ich bin wegen Pesic nach München gegangen“, sagte Micic, „aber an diesem Punkt wusste ich, dass ich etwas ändern muss, wenn ich einen weiteren Schritt machen will.“
Kurioserweise traf er bei Roter Stern Belgrad ausgerechnet auf jenen Coach, der morgen sein Gegner sein wird. Deijan Radonjic baute den U18- und U19-Vize-Weltmeister (2011/2013) behutsam wieder auf. Aus gutem Grund, der Bayern-Trainer ahnte schon, was in dem serbischen Youngster steckte:. „Mich überrascht es überhaupt nicht, was aus ihm heute geworden ist“, sagte Radonjic. Dem Montenegriner ist Micic nicht umsonst bis heute freundschaftlich verbunden.
Es ist ein Kennzeichen seiner Karriere, dass Trainer sein Weiterkommen prägten. In Orhun Ene fand er auch bei Tofas Bursa einen väterlichen Freund. Bis sein Jugendidol Sarunas Jasikevicius anrief. Der Coach von Zalgiris Kaunas war einst selbst ein hochbegabter Spielmacher. Ein Mann mit „unfassbarer Spielintelligenz“, wie Micic schwärmte. Letztlich war es wohl Jasekevicius, der aus dem 1,95 Meter langen Serben einen Spieler der europäischen Klasse formte. Micic hatte seinen gehörigen Anteil daran, dass Kaunas in der Königsklasse bis auf Platz drei stürmte. „Bei Jasekevicius habe ich einen anderen Blickwinkel auf den Sport bekommen“, sagte Micic.
Doch weil der Trainer mit seinem Abschied in Richtung Übersee liebäugelt, nahm Micic nun die Offerte von Anadolu Istanbul an. Der türkische Traditionsclub rüstete in dieser Spielzeit sein Ensemble mit großem finanziellem Aufwand auf um die Vormachtsstellung von Ex-Champion Fenerbahce Istanbul zu durchbrechen. Im türkischen Supercup hat das schon einmal geklappt – Anadolu setzte sich gegen den großen Nachbarn durch. „Wir sind in guter Form, das macht Spaß.“
Das will Micic heute natürlich auch gerne seinen Ex-Club spüren lassen. Wobei er die Bayern in dieser Saison übrigens durchaus schon höher auf der Rechnung hat als viele. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nur mitspielen wollen“, sagte er, „dafür ist Trainer Radonjic zu ehrgeizig.“