München – Die Konstellation ist selten, die sich am Sonntag beim München Marathon (Start um 10 Uhr im Olympiapark) ergeben wird. Es treten an: Bianca Meyer, die Titelverteidigerin. Sie hat wieder gemeldet und die Startnummer 1 bekommen. Ihrer voraussichtlichen Hauptkonkurrentin in der Frauen-Klasse, wurde die 7 zugeteilt: Susanne Schreindl. Auch sie hat ihre München-Vorgeschichte. Wie Bianca Meyer hat sie 2017 gewonnen – aber im Halbmarathon, dem Rahmenwettbewerb. Und zwei Jahre zuvor, 2015, auch noch. Damals unter ihrem Geburtsnamen Ölhorn. Siegerinnen gegeneinander – und nicht nur das: Es ist auch ein Wettlauf der Generationen.
Bianca Meyer ist die deutlich ältere der beiden Läuferinnen und übers klassische Hochleistungssportalter hinaus. Wie formuliert man das halbwegs charmant? Man sagt: „Sie sind keine Juniorin mehr.“ Bianca Meyer lacht. Sie ist 44. Dass sie vor einem Jahr den München Marathon in 2:49:32 Stunden gewonnen hat (nur gut eine Minute von ihrer Bestzeit entfernt), war die Erfüllung eines Traums. München ist ihr Pflaster. Sie ist Laufunternehmerin, betreibt die Laufschule Running Company, Hobby-Athleten lassen sich von ihr Trainingspläne schreiben, sich in stilistischen Fragen unterweisen, buchen Laufcamps. Bianca Meyer hat am Sonntag „40 bis 50 Leute, verteilt über alle Distanzen“ (es gibt auch einen 10-km-Wettbewerb, d. Red.) am Start, auf die meisten wird sie nach dem eigenen Zieleinlauf warten müssen. „Abends feiern wir dann aber gemeinsam Marathon-Party.“
Sie läuft, „seit ich acht bin“, ganz an die Spitze hat die Karriere sie nicht geführt, „auf ein gutes Jahr folgte meist ein schlechtes“. Ihre Ziele definieren sich nicht mehr über Meisterschaften und Altersklassen-Platzierungen, sie will beim Laufen auch „was Schönes erleben“, sagt sie. Stark ist sie im Wings-for-Life-Run, einer Benefizveranstaltung, bei der der Läufer es vermeiden muss, von einem immer schneller werdenden Fahrzeug eingeholt zu werden. 2017 hat sie deutschlandweit mit 51,23 Kilometern gewonnen, heuer schaffte sie ein bisschen mehr als die Marathon-Distanz von 42,195 Kilometern – „aber das war in Pretoria in Südafrika, auf 1500 Metern Höhe“. Fakt ist: Sie wird stärker, je länger die Strecke ist.
Susanne Schreindl ist 27, sie startet für die LG Passau, die unter ihrem Trainer Günter Zahn (bekannt als Fackelläufer der Olympischen Spiele 1972) in München traditionell stark vertreten ist. Zahn ist überzeugt von Schreindl, die bei den Deutschen Meisterschaften über 10 000 Meter Fünfte geworden ist. Sie absolviert eine Saison mit Bestzeiten. Vor einem Monat lief sie Halbmarathon in Kassel: 1:17 Stunden, zwei Minuten schneller als bisher.
„Stimmt, ich bin gut drauf“, sagt sie. Gibt aber zu bedenken: „Es ist erst mein zweiter Marathon.“ 2017 hat sie in Frankfurt debütiert, mit 2:52 Stunden. Persönlich kennen sich Meyer und Schreindl noch gar nicht. Bianca Meyer sagt: „Ich komme gar nicht dazu, Teilnehmerlisten zu wälzen.“ Sie musste schauen, dass sie in Form kommt. Nach einer Verletzung hat sie erst vor fünf Wochen wieder richtig angefangen mit dem Marathon-Training. Susanne Schreindl sagt: „Vor Biancas Leistung habe ich große Achtung. Ihre Erfahrung spricht für sie.“
Der Nachname Schreindl ist in der bayerischen Langstrecklerszene gut bekannt: Tobias Schreindl wurde 2014 in München Deutscher Marathon-Meister, er und Susanne sind verheiratet. 2018 greift er in München nicht an. „Er ist erst in Kassel Marathon gelaufen“, so Susanne, „aber er wird in München eine Teilstrecke laufen“. Für Frau Schreindl. Das Tempo vorgeben. Für eine Bestzeit. Eheliche Pflicht.