Wie durch ein Band verknüpft

von Redaktion

Während beim FC Bayern Niko Kovac die erste echte Krise zu meistern hat, jagt der ewige Rivale Borussia Dortmund mit seinem neuen Trainer von Sieg zu Sieg. Auch Lucien Favre war in München ein Kandidat. Sein neues Team zeigt nun alles, was den Bayern gerade schmerzlich fehlt.

VON MARC BEYER

München – Es war auch damals ein Samstagabend, ebenfalls Anfang November. Die Spieler von Borussia Dortmund waren nach dem Abpfiff in dicke Daunenjacken gehüllt, und als sie ihre Kommentare abgaben, trieften die vor Wut, Niedergeschlagenheit und Ratlosigkeit. Soeben hatten die Schwarz-Gelben ihr Heimspiel gegen den FC Bayern 1:3 verloren, aus einem Fünf-Punkte-Vorsprung war in kürzester Zeit ein Sechs-Punkte-Rückstand geworden. Was die Dortmunder da noch nicht ahnten: Dies war noch lange nicht der Tiefpunkt. Erst Mitte Dezember gewannen sie wieder ein Ligaspiel, das erste seit zweieinhalb Monaten.

Am 10. November, einem Samstag, werden sich Westfalen und Bayern erneut in Dortmund gegenüber stehen. Bis dahin kann noch eine Menge passieren. Ausdrücklich weisen die Borussen gerade wieder darauf hin, dass sie auch vor einem Jahr glänzend gestartet waren. Nach sieben Partien hatten sie als Tabellenführer 19 Zähler, zwei mehr als jetzt. Trotzdem ist schwer vorstellbar, dass sich bis zum nächsten Gipfeltreffen in vier Wochen die Vorzeichen abermals so krass verändern könnten. Und das liegt nicht nur am BVB.

In München ist zuletzt einiges in Schieflage geraten. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, wie man sie damals auch in Dortmund erlebte. Nun hört man von den Bayern, dem ewigen Meister, dass das „eine schwierige Phase“ sei, in der man gerade stecke, „aber wir kommen da auf jeden Fall als Mannschaft wieder raus“. Als Niklas Süle das am Wochenende sagte, klang er wie die Borussen vor einem Jahr. Irgendwie schon noch optimistisch, aber auch nicht mehr wirklich planvoll.

Mannschaften dieses Kalibers wird immer zugetraut, dass sie allein aufgrund der Qualität ihres Kaders zurück in die Spur finden, doch manchmal ist sogar auf so einem Niveau kein Verlass mehr auf die Selbstheilungskräfte. Als die Dortmunder vor einem Jahr mit dem Verlieren gar nicht mehr aufhören wollten, hieß es aus München, sowas könne eben auch den Besten passieren. Theoretisch sogar dem FC Bayern. Ein Jahr später erlebt die Liga (wenn auch nur in zarten Ansätzen), wie es ist, wenn aus Theorie Praxis wird.

Das Pikante am Fernduell zwischen Bayern und Borussen ist, dass sie von Männern trainiert werden, Niko Kovac und Lucien Favre, die als einzige Kandidaten für die Nachfolge von Jupp Heynckes galten. Seitdem sind sie wie durch ein unsichtbares Band verknüpft. Trumpft der eine auf wie Kovac zu Saisonbeginn, richten sich die Blicke automatisch auch auf den anderen, der zwischen vielversprechenden Akzenten (Heimspiele, Offensivstärke) und empfindlichen Dämpfern (Auswärtsspiele, Defensivwackler) pendelt. Und während bei den Bayern nun Ernüchterung eingezogen ist, bemühen sich die Dortmunder gerade, die Begeisterung nicht überschießen zu lassen.

Zum Leidwesen des Rekordmeisters klappt beim BVB gerade sehr viel von dem, was in München schmerzlich vermisst wird. Wie die Bayern in ihren besten Zeiten verströmen die Borussen die Aura eines Teams, das jederzeit zulegen kann. Fast schon aus Prinzip erzielen die Dortmunder ihre Tore neuerdings erst nach der Pause, ohne deswegen auch nur im Ansatz nervös zu werden. Gründe gibt es etliche: Favres Kabinenansprache, sein feines taktisches Händchen oder die erstklassig besetzte Bank mit pfeilschnellen, hungrigen Talenten. So kamen in Leverkusen und am Samstag gegen Augsburg Siege nach grandiosen Aufholjagden zustande, die man auch den Bayern bis vor kurzem zurecht zugetraut hat.

Inzwischen vermisst der rote Anhang genau diese Qualität. Bei den Niederlagen in Berlin und gegen Gladbach wäre nach frühem Rückstand genug Zeit zum Reagieren gewesen, doch ein Tor gelang in keiner der Partien. Es gab Szenen, in denen das Schussglück fehlte, missliche Zentimeterentscheidungen des Schiedsrichters oder Gegner in Bestform. Doch während die Borussia zuletzt unwiderstehlich Fahrt aufnahm, ist der Eindruck in München genau gegenteilig. Schon lange schien es nicht mehr so leicht, die Bayern niederzuringen.

Es war ein hartes, aber auch lehrreiches letztes Jahr für den BVB. Mehr noch als das 1:3 im Hinspiel hinterließ das Wiedersehen im Frühjahr Spuren. Die 0:6-Niederlage war das ultimative Signal. dass sich etwas ändern musste. Das ist geschehen, sowohl im Umfeld mit der Installation von Sebastian Kehl oder dem Berater Matthias Sammer als auch im Team. Durch die Verpflichtung versierter Abräumer wie Witsel oder Delaney ist der hochbegabte, aber oft leichtgewichtige BVB-Kader spürbar robuster geworden. Nach dem 4:3 gegen Augsburg schwärmte der kicker von einem „dramatischen Mentalitätswandel“.

Den Bayern steht der ganz große Umbruch, obwohl längst angekündigt, noch bevor. Bei diesem Stichwort fallen immer die Namen Robben und Ribery, aber auch dahinter, bei den Boatengs, Hummels’, Lewandowskis und Müllers, wartet Arbeit auf die Teamarchitekten. Auf europäischem Top-Niveau fallen Veränderungen naturgemäß schwerer und eine Runderneuerung wie in Dortmund ist nahezu unmöglich. Für den nächsten Sommer aber zeichnen sich massive Eingriffe ab. Bis dahin muss es der aktuelle Kader richten. Und das möglichst schnell. Schließlich soll es am 10. November in Dortmund ein echtes Gipfeltreffen werden.

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