Deutschland in WM-Form

von Redaktion

Trotz des peinlichen 0:3 in Holland verschließt Löw die Augen vor der Realität

VON ANDREAS WERNER

Amsterdam – Joachim Löw verzog angewidert die Miene, als hätte man dem Feingeist gerade eine Tüte fettiger Pommes kredenzt, die an jeder Ecke von Amsterdam ihre Abnehmer finden. Gerade hatte sich ein Journalist auf Englisch erkundigt, ob es eines seiner letzten Länderspiele als Trainer der deutschen Nationalelf gewesen sei. Erst dachte Löw, er habe sich verhört, er steckte die Köpfe mit seinem Pressechef Jens Grittner und dem Dolmetscher zusammen, dann hakte der Fragesteller noch einmal nach: Ob er seinen Dienst quittieren würde? Löws Miene blieb sauertöpfisch, als er antwortete: „At the moment not.“ Im Moment nicht. Er sagte es so leise, man hörte es kaum.

Überraschend kam die Frage unter dem Eindruck des 0:3 gegen die Niederlande dabei keineswegs, doch den peinlichen 90 Minuten in der Johan-Cruyff-Arena folgte eine peinliche Aufarbeitung von Seiten der DFB-Akteure. Es wirkte, als würden Löw und sein Team die Augen vor der Realität verschließen. Deutschland war am Samstagabend in WM-Form – und das ist pure Ironie, wie jeder weiß. Dennoch gab sich der Bundestrainer in seiner Analyse als Überzeugungstäter. Er will auch morgen in Paris gegen Frankreich auf seine früheren WM-Helden setzen.

Zwei Mal wurde er gefragt, ob er sein Festhalten an der alten Achse nicht überdenken wolle, wo doch die jungen Wilden um Leroy Sané auf der Bank unüberhörbar mit den Füßen scharren. Löw verwies auf die Notwendigkeit einer Mischung, „man darf von den Jungen noch keine Wunderdinge erwarten. Sie haben Potenzial, aber sie brauchen Zeit. Das hat man heute gesehen.“

Der Bundestrainer leistet sich da einen exklusiven Blickwinkel. Eigentlich hatte man genau das Gegenteil gesehen: Dass die Zeit der Alten vorbei ist. In Amsterdam spielte ein Team von elf hochtalentierten Tempofußballern, dem eine spektakuläre Zukunft bevorstehen könnte, gegen Joshua Kimmich und zehn weitere Kicker, die mit ihrer eigenen Vergangenheit kämpften. Und dieses Ringen verloren. Ronald Koeman verwies als Bondscoach auf die Tatsache, dass er einige Debütanten aufgeboten hatte: „In fünf Jahren werden wir noch viel besser spielen.“ Nathan Aké sah aus wie ein junger Ruud Gullit. Womöglich können alte Zeiten tatsächlich neu belebt werden.

Dass bei den Deutschen nur Kimmich und der eingewechselte Sané den Anforderungen des Tempozeitalters gerecht wurden, rückte in den Analysen nicht in den Fokus. „Das Ergebnis spiegelt nicht ansatzweise das Spiel wider, nullkommanull“, sagte Mats Hummels, „im tiefsten Herzen müssen Sie mir Recht geben.“ Aus tiefstem Herzen nein. Zwar fielen die letzten beiden Treffer in der Phase, „in der wir ein bisschen auseinandergefallen sind“ (Kimmich), doch waren sie ja nur zwei plakative Sargnägel, die die Verhältnisse dokumentierten.

„Immer Pech ist kein Zufall“, sagte Kimmich ehrlich, er lobte als Einziger Sané („ein Unterschiedsspieler, der uns gut tut“), und nur Julian Draxler fand ebenfalls noch selbstkritische Worte: „Das geht mir alles zu langsam, das ist zu berechenbar, so bringst du ein Team wie Holland nie in Gefahr.“ Ihm fehle „der Mut zum Risiko, die Kreativität – so können wir nicht weitermachen. Wir haben jetzt viele solche Spiele aneinandergereiht, wir müssen Lösungen finden.“ Damit lag er der Wahrheit wesentlich näher als Hummels, der fand, man habe „nicht perfekt gespielt, aber definitiv nicht schlechter als der Gegner“.

Löw nannte die Pleite „brutal und enttäuschend“, die letzten zehn Minuten irritierten ihn dabei nachhaltig: „So auseinanderzufallen, und dass da keiner die Verantwortung übernimmt, das darf nicht passieren.“ Man müsse nun „das Spiel unter die Lupe nehmen und alles ausblenden, was jetzt auf uns einprasselt“.

Ein Abstieg aus der Nations League sei „logischerweise nicht wünschenswert“. Um den abzuwenden, müsse man nun aber Siege folgen lassen. „Wenn wir das nicht schaffen“, sagte der Bundestrainer, „dann steigen wir in der Tat ab.“ Auch diesen Nebensatz sagte er so leise, man hörte ihn kaum.

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