Das alte DFB-Bild

Die Kunst des Wegschauens

von Redaktion

ANDREAS WERNER

Die Niederlande haben nicht nur im Fußball eine Reihe großer Künstler hervorgebracht; gerade in Amsterdam, der Stadt, in der Johan Cruyff und Arjen Robben reiften, wird das ersichtlich. Rembrandt erlangte hier Weltruhm als Maler, van Gogh ebenfalls. Er sagte mal über eines von Rembrandts Werken, er würde zehn Jahre seines Lebens opfern, wenn er einfach einmal 14 Tage lang nur davor stehen dürfte – mit einem Stück Brot. Kreativität kann so faszinierend sein. Und ein neuer Anstrich Wunder wirken. Doch Joachim Löw hat das Wegschauen zur Kunst erhoben. Der Lack ist bei seiner Mannschaft ab. Aber er sieht es nicht.

Löw hat Fußball-Deutschland ein schönes Bild gemalt, viele Jahre setzte er den Pinsel an, mischte die Farben, kreierte seinen eigenen Stil, und am Ende wurde das Motiv mit dem WM-Pokal vergoldet. Das konnte sich sehen lassen, es galt als Meisterwerk, als epochenprägend. Das alte Bild nun von der Wand zu nehmen, fällt verständlicherweise schwer. Aber wenn es nun mal nicht mehr aktuell ist?

Löw weigert sich beharrlich, die Staffelei erneut aufzustellen. Das ist nur menschlich, und vielleicht ahnt der alte Meister ja auch ein wenig, dass er sich doch nicht mehr selbst übertreffen kann. Das alles muss man ihm nicht zwingend vorwerfen, doch angesichts seines Verhaftens in der Vergangenheit darf man sich dann doch nach einem frischen Geist sehnen, der ein neues Werk im Kopf hat.

Es ist ja nicht so, dass kein Potenzial für frische Farbtupfer vorhanden wäre. Man muss nur wieder neu mischen, neu kreieren – ein neues Bild pinseln. Warum kein Wagnis eingehen? Kunst birgt Risiko, Innovation benötigt Mut, nur so kann man Epochen prägen. Frankreich, England und die Niederlande haben einen radikalen Schnitt gemacht, und auch Löw hätte all diese Ter Stegens, Süles, Kehrers, Rüdigers, Tahs, Goretzkas, Brandts, Gnabrys, Sanés, um ein neues Zeitalter einzuläuten.

Gewiss, es fehlen starke Außenverteidiger, ein Stürmer und sicher noch der Feinschliff – aber die internationale Konkurrenz macht es ja gerade vor, dass es sich lohnt, Talente reifen zu lassen. Ein neuer Anstrich, das wurde nun beim 0:3 in den Niederlanden überdeutlich, ist unabdingbar. Der Umbruch wird Zeit brauchen, aber eines lehrt die Kunst wie auch der Fußball: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Nun geht es nach Paris, die nächste Stadt der Kunst. Dass sich Löw dort inspirieren lässt, ist aber kaum zu erwarten.

andreas.werner@ovb.net

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