Paris – Paris ist so vieles: Die Stadt der Liebe natürlich, der Mode, der Kunst, des Lichts, sie ist von allem ein bisschen und vor allem eines, über Jahrhunderte schon: Eine große Bühne. Der Presseraum im Stade de France könnte auch ein Saal in einem Theater am Montmartre sein, und gestern passte das Ambiente, selbst der talentierteste Intendant hätte die Szenerie nicht besser kreieren können: Joachim Löw kämpft um seinen Job. Womöglich fällt hier der letzte Vorhang.
Es ist in Paris windig gewesen, die Rotoren an der Moulin Rouge drehten sich schnell, doch das ist heute nebensächlich, wenn die DFB-Elf gegen Frankreich antritt (20.45 Uhr/ARD). Löw ist nicht zur Lustreise da, abseits von Pigalle besteht nach dem 0:3 gegen die Niederlande am Samstag die akute Gefahr, dass ihn der Wind in der französischen Hauptstadt von seinem Trainerstuhl bläst.
Löw wäre freilich nicht Löw, würde er sich all die Dramatik anmerken lassen. Schon auf dem Weg zum Podium stibitzte er einer Hostess das Mikro, das für die Journalisten reserviert war, und während der Pressekonferenz witzelte er gegenüber dem Dolmetscher, er müsse nicht alles übersetzen, weil der Austausch ja im Grunde nur für die deutschen Reporter relevant sei. Das war natürlich Koketterie. Die Fußballwelt hat Interesse an der weiteren Entwicklung des so tief gefallenen Ex-Weltmeisters. Ob er schlecht schläft angesichts der wachsenden Kritik? Ja, tatsächlich seien die Nächte unruhig, sagte der Bundestrainer. Aber nicht wegen der negativen Presse, sondern wegen einer Grippe. Halsweh, Gliederschmerzen, das schlauche ihn. „Mit dem Druck kann ich relativ gut umgehen. Wenn das alles war, halte ich es aus.“
Ob das wirklich alles war, hängt allerdings maßgeblich vom heutigen Spiel ab. Löw kündigte taktische und personelle Änderungen an, „nach einem 0:3 muss man als Trainer Wechsel überlegen“, sagte er. Manuel Neuer werde davon nicht betroffen sein, stellte er klar, ansonsten schwieg er sich über seine Personalien aus. Für den verletzten Jerome Boateng wird Niklas Süle auflaufen, auch Leroy Sané konnte sich in Position bringen und darf sich Hoffnungen machen, denn Löw will auch beim Weltmeister „mutig und mit Dynamik nach vorne spielen“. Allerdings auch auf Konter aufpassen, „da waren wir in der zweiten Hälfte am Samstag wahnsinnig anfällig, und Frankreich ist da noch stärker und schneller“. Gut möglich, dass die Bandbreite der aktuellen Aufgabe in der jetzigen Verfassung der problemüberladenen deutschen Nationalmannschaft zu einem Desaster führt.
Ob Löw dann noch zu halten ist, diese Frage bewegt die Nation. Am Sonntagmorgen habe er sich mit Reinhard Grindel unterhalten, „der Präsident hat mir das Vertrauen ausgesprochen, das ist gut, aber nicht das Wichtigste“, meinte der 58-Jährige, „sondern dass eine Reaktion der Mannschaft kommt. Das ist die Aufgabe.“ Kritik, sagte er dann noch einmal, „muss man annehmen. Ich kann das gut ausblenden.“
In diesen zwei Sätzen wurde die ganze Palette von Löws Innenleben transparent; es ist ja durchaus eine interessante Geisteshaltung, wie man Kritik gleichzeitig annehmen und ausblenden kann. Er habe gewusst, dass es nach der WM schwierig werden würde, „der Weg konnte nicht kontinuierlich nach oben gehen“. Man müsse mit Rückschlägen rechnen. Gegen Frankreich habe sein Team nun „nichts zu verlieren, wir fokussieren uns voll auf dieses Spiel und bündeln unsere Kräfte zur Wiedergutmachung. Wir haben unsere Lehren aus dem 0:3 gezogen.“
Am Ende der Pressekonferenz entschuldigte sich Löw, er hätte gerne länger geplaudert, aber der Zeitplan sei straff, und nach dem Abschlusstraining der Deutschen sei das der Franzosen angesetzt. Da müsse man sich sputen, denn es ist ja einiges zu tun in der eigenen Einheit, die könne man nicht verkürzen. Geht es gegen Frankreich schief, wird das Theater groß werden. So groß, dass selbst die Bühne Paris nicht mehr ausreicht.