Paris – Es war ein Bild, das man gerne für den Neuanfang der Nationalmannschaft genommen hätte; authentisch, unverbraucht, ehrlich, erfrischend: Als sich Julian Draxler und Leroy Sané neulich auf einer Pressekonferenz das Podium teilten, ergab sich die Situation, dass Draxler seinen jungen Kollegen in den Arm nahm und beide herzlich lachten.
Vorausgegangen war ein Witz, dass der bei Manchester City spielende Sané inzwischen besser Englisch als Deutsch spreche. Aber das Bild ist verblasst. Eine Woche her, es war in Berlin, als sich die DFB-Auswahl gerade für die Nations League zurechtmachte. Inzwischen versteht man gar nichts mehr. Draxler, 25, als Umarmer und Anführer der neuen Generation, das wäre insgesamt ein Motiv, das eigentlich für die Zukunft gepinselt wurde. Man vergisst es fast, aber er ist schon lange dabei, im März 2013 feierte er sein Debüt gegen Kasachstan und musste damals nach einem Zusammenstoß ausgewechselt werden – gegen Lukas Podolski, und der Name belegt: Das waren andere Zeiten.
Sein erstes Länderspieltor gelang ihm beim sechsten Auftritt, am 2. Juni 2013 traf er zum 3:4-Endstand gegen die USA, er war damals einen Tag jünger als Fritz Walter bei seinem ersten Erfolgserlebnis und ist bis heute einer der jüngsten Torschützen der DFB-Geschichte. So einer sollte nun eigentlich langsam vorangehen. Beim Confed Cup-Sieg 2017 in Russland trug er die Kapitänsbinde.
Draxler wechselte 2017 ins glamouröse Paris, doch dort, wo sie am liebsten eine Galerie der Topstars im Louvre aufmachen würden, würde sein Porträt wohl nicht einmal in der Vorhalle des weltgrößten Museums hängen. Zu Beginn der Saison spielte er gar nicht, obwohl er in Thomas Tuchel einen Landsmann als Coach hat, der ihn ja gut verstehen müsste. In der Nations League im September stand er seine ersten 45 Minuten auf dem Platz. „Die Konkurrenz ist brutal, wir haben Neymar und Kylian Mbappé“, erinnert er, „nach der WM hatte ich körperliche Probleme, es war schwierig für mich.“ Fakt ist: Er ist noch immer keine feste Größe. Es wird Zeit.
An und für sich wäre Draxler genau der Mann, der aus der Zwischengeneration nun in die Führungsschicht wachsen müsste. Mit seinen Analysen erfüllte er nach dem 0:3 gegen die Niederlande als einer von ganz wenigen die Kriterien eines kritischen Zeitgeists. Er bemängelte das fehlende Tempo und die Berechenbarkeit, zeigte zudem Verständnis für die deutschen Fans. „Wir haben denen den Sommer mit der WM versaut, jetzt das Wochenende – da ist doch klar, dass Unmut aufkommt.“ Sich selbst nahm er bei der Kritik nicht aus, das war wohltuend. „Beim 0:2 muss ich mich an die eigene Nase packen, auch das 0:3 geht auf meine Kappe.“ Beide Male hatte er den Ball entscheidend verloren und die Abwehr entblößt.
Vor seinem Heimspiel in Paris hatte Draxler auch ungeschönte Vorstellungen. „Frankreich ist noch stärker als die Niederländer, und sie werden Bock haben, gegen uns zu zocken. Das wird keinen Deut leichter.“ Eher schwerer. Die Bilder, in denen sich deutsche Nationalspieler harmonisch in den Armen liegen, werden es ebenfalls nie in den Louvre schaffen. Zu blass sind sie. awe