München – Das war’s jetzt fast schon mit der Marathon-Herbstsaison. Frankfurt kommt noch, traditionell am letzten Oktober-Sonntag, bei dem von Sommer- auf Normalzeit umgestellt wird und die Läufer eine Stunde länger Schlaf haben. Der alte Traum der Veranstalter am Main ist es, sich den Weltrekord zu holen, die Strecke ist schnell – doch bisweilen wird die lange Gerade, die Mainzer Landstraße, zum Problemfall: bei Gegenwind. Nach Frankfurt steht im internationalen Rennkalender noch New York, aber Merkmal dieses Laufs ist seine Größe und der Erlebnischarakter. Weltrekord-Potenzial hat dieser Klassiker nicht. Obwohl New York bereits in den 70er-Jahren eine Prämie in die Ausschreibung aufnahm: eine Million US-Dollar für den Ersten, der die 42,195 Kilometer unter zwei Stunden läuft. Es war eine Spinnerei, damals.
2018 ist Eliud Kipchoge der Marke näher gekommen. In Berlin – und das war der Höhepunkt des Herbsts – lief er 2:01:39 Stunden, eine Steigerung des alten Rekords um über eine Minute. Unfassbar. Jetzt diskutiert man in Fachkreisen, ob „Breaking2“ in einem regulären Rennen (und nicht nur beim knapp gescheiterten Versuch des Sportartikelherstellers Nike mit Kipchoge in Monza mit wechselnden, frisch hereingebrachten Pacemakern) möglich ist.
Eliud Kipchoge hat die Debatten durch seine Transparenz befeuert. Die sechseinhalb Wochen vor Berlin protokollierte er – und stellte seinen Trainingsplan ins Internet. Dabei gab es zwei Überraschungen: Kipchoge leistete nicht die massiven Wochenumfänge anderer Afrikaner (220 Kilometer die Woche), sondern „beschied“ sich mit einem Pensum von jeweils 177 bis 192 Kilometern. Und/aber: Er läuft sie anders. Intensiv. Es ist eine Abweichung von der gängigen Trainingslehre.
Im Westen richtet man sich beim Marathon-Training nach den Prinzipien, wie sie Herbert Steffny, der deutsche Marathonpapst, in seinen Trainingsplänen für jede Leistungsklasse hinterlegt hat. Langsames Grundtempo, vor allem bei den langen Läufen – und als Ausgleich Intervall-Einheiten. Dass man die komplette Marathonstrecke trainiert, ist nicht vorgesehen: Maximal 32 oder 33 Kilometer, um den Körper in die Fettverbrennung einzuführen – doch richtig ausleben möge man die nur im Wettkampf. Der letzte lange und langsame Lauf soll zwei Wochen vor dem Rennen stattfinden.
Eliud Kipchoge hält nichts von Periodisierung und von Entlastungswochen, und eineinhalb Wochen vor Berlin rannte er im Training 40 Kilometer in 2:15 Stunden, das sind 3:16 Minuten auf den Kilometer. Auf einem „fordernden Crosscountry-Kurs“, so beschreibt er es.
Diesen Sonntag gewann in München bei den Frauen die Passauerin Susanne Schreindl. Sie trainiert nach den alten Prinizipien, erst im Wettkampf alles auszupacken. „Mein längster Trainingslauf waren 38,5 Kilometer.“ Sie wurde auf der zweiten Hälfte langsamer, verlor vier Minuten. Männer-Sieger Andreas Straßner, mit 39 der mit Abstand älteste Läufer in der deutschen Marathon-Spitze, huldigt dagegen eher der Kilometerfresserei. Sein Sieg beim Wings-for-Life-Run mit 76,7 Kilometern erfolgte eine Woche nach dem Marathon Düsseldorf (2:19:38). In der Zwölf-Wochen-Vorbereitung auf München dehnte Straßner seine langen Läufe auf 35 bis 45 km aus. Die Idee dahinter: „Wenn man weiß, man hat sie schon trainiert, verliert man die Angst vor der Strecke.“