Eine Farbe als Versprechen

von Redaktion

Auch ohne Ex-Trainer Wim Fissette hat Angelique Kerber beim WTA-Finale Großes vor

VON DORIS HENKEL

Singapur – Rot gilt in Asien als Glück bringende Farbe, und vielleicht war die Wahl der Farbe für ihr Kleid bei der Gala zum WTA-Finale Erinnerung und Einstimmung zugleich; auch beim Champions’ Dinner Mitte Juli in Wimbledon hatte sie Rot getragen. Angelique Kerber wirkte locker und gelöst, zuversichtlich und guter Dinge, wie an allen Tagen bisher in Singapur. Bei der Auslosung im Rahmen der Gala im Ballsaal des Marina Bay Sands Hotels landete sie passend in der roten Gruppe zusammen mit Naomi Osaka, Sloane Stephens und Kiki Bertens, die als letzte im Feld der acht Besten des Jahres gelandet war.

Montag war Angelique Kerber in München abgeflogen und hatte eine Überraschung im Gepäck. Dass es keine Fortsetzung der so erfolgreichen Arbeit mit Wim Fissette geben würde, mit dem sie in Wimbledon gewonnen hatte und unter die Top drei der Welt zurückgekehrt war. Besser, so war die Meinung bei allen im Team, hätte es nicht laufen können. Die Zusammenarbeit mit dem Belgier sollte deutlich länger gehen.

Es sei definitiv der Plan gewesen, mit Fissette zu verlängern, sagt Kerbers Manager Aljoscha Thron. Fr ihn selbst ist die Dienstreise nach Singapur in gewisser Weise ein kleines Jubiläum, zwei Jahre nach dem ersten offiziellen Auftritt an gleicher Stelle in gleicher Position. Hätte er nicht eine gewisse Anzahl von Stunden auf dem Weg nach Asien im Flieger verbracht, dann hätte er eine gute Chance gehabt, einen Rekord im Dauer-Telefonieren aufzustellen. Nach der offiziellen Mitteilung am Dienstag war er der Mann, der den Schnitt erklären sollte.

Es schwebt noch immer ein Nebel des Diffusen über der ganzen Geschichte, aber wenn nicht alle Eindrücke täuschen, dann verhandelte Fissette in den vergangenen Wochen mit anderen potenziellen Partnerinnen. Ob es dabei tatsächlich um einen geplanten Wechsel ging oder nur in erster Linie darum, den Preis für eine Verlängerung des Vertrages in die Höhe zu treiben, gehört auch zum Diffusen. Allerdings gab es Beispiele dieser Art in der Karriere des kenntnisreichen Belgiers auch bei der Britin Johanna Konta, die Fissette vor Kerber trainiert hatte, mit der er das Halbfinale in Wimbledon erreicht, aber in den restlichen Wochen des Jahres nicht mehr allzu viel erreicht hatte. Nun ist Angelique Kerbers Bilanz in der Zeit nach Wimbledon auch nicht überragend – von elf Spielen gewann sie sechs – , aber das ist ja im Frauentennis dieser Tage nicht ungewöhnlich.

Nachdem Kerber und ihr Coach am vergangenen Wochenende noch bei ihr zuhause in Polen trainiert hatten, kam offenbar der Punkt, an dem sie fand, so könne es nicht weitergehen. Die Entscheidung, gleich reinen Tisch zu machen und in Singapur allein an die Arbeit zu geben, war offenbar nicht schwer. Eine Woche neben jemandem zu sitzen und zu reden, mit dem es nach Lage der Dinge nichts mehr zu reden gibt, das hilft eher nicht.

Und sie ist ja nicht allein. Außer Fissette sind alle in Singapur dabei, die sie auch sonst immer wieder begleiten – ihr langjähriger Trainingspartner Andre Wiesler, Physiotherapeut Andre Kreidler, Manager Thron und ihre Mutter Beata. Für eine Spielerin mit ihrer Erfahrung sollte es kein Ding der Unmöglichkeit sein, bei den letzten Auftritten des Jahres ohne Coach auszukommen. Die Begebenheiten kennt sie, in Singapur ist sie jetzt zum dritten Mal dabei, davor spielte sie zwei Mal bei den WTA Finals in Istanbul. Angelique Kerber will noch einmal Gas geben.

Die Farbe Rot könnte man auch als Versprechen sehen.

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