ZWISCHENTÖNE

Suche nach anderen Wegen

von Redaktion

Kennen Sie Robin Gosens? Wohl nur, wenn Sie intimer Kenner des italienischen Fußballs sind. Gosens spielt als einer von fünf Deutschen, darunter prominente Namen wie Emre Can und Sami Khedira, in der Serie A. Gosens stand letzte Saison 17-mal

in der Startelf von Atalanta Bergamo, hat insgesamt acht Einsätze in der Europa League, zählt auch in dieser Saison zum Stamm des Erstligisten. In seiner Heimat aber

ist dieser Gosens ein völlig unbeschriebenes Blatt.

Was daran liegt, dass Gosens in Deutschland nie höher gespielt hat als Landesliga, beim VfL Rhede. Als einer von Millionen Amateurkickern, die am Abend vor einem Spiel noch gern auf der Piste waren und „Bierchen ohne Ende geschlürft“ haben. Ein Probetraining bei Borussia Dortmund endete im Fiasko, „ich konnte überhaupt nicht mithalten“. Dann aber entdeckte ihn ein holländischer Scout, der eigentlich wegen eines anderen Spielers den VfL beobachtete. Und Gosens wechselte mit 18 zu Vitesse Arnheim, später in die Eredivisie nach Almelo, wo er die Italiener auf sich aufmerksam machte. Und die statteten den heute 24-Jährigen mit einem Vertrag bis 2020 und einem richtig guten Gehalt aus.

Eine Geschichte wie aus

einer längst vergangenen Zeit. Heute werden Talente spätestens mit zwölf gescoutet, in ein Nachwuchsleistungszentrum gesteckt und auf eine Profikarriere vorbereitet, die schließlich nur ein Bruchteil von ihnen wirklich erreicht. Ein anderer Weg? Kaum mehr möglich. Wer nicht spätestens mit 15 in einem NLZ ist, hat praktisch keine Chance mehr.

Peter Hyballa hat gerade zu einem Umdenken aufgerufen. Der ehemalige Trainerausbilder des DFB rät Talenten, so lange wie möglich bei ihren Heimatklubs zu bleiben, dort möglichst viel zu spielen und spielend lernen, statt in den Zentren, wo Individualisten und Persönlichkeiten, „mutige Spieler, die kreativ sind, oder gar Querdenker“ nicht gefragt seien, „stromlinienförmig“ ausgebildet zu werden. Dort nämlich sei die Jugendarbeit ergebnis-, nicht ausbildungsorientiert, gegen jede Entwicklungspädagogik, „irgendwie wahnsinnig und krank“ findet das Hyballa.

Alleine steht Hyballa nicht mit dieser Kritik. Dabei war vor gut vier Jahren noch das deutsche Nachwuchssystem als Basis des stolzen WM-Triumphes in Brasilien gefeiert worden. Die letzten Monate aber haben für reichlich Ernüchterung gesorgt. Deutschland, sagt der Nürnberger Bundesliga-Coach Michael Köllner, der lange in der Talententwicklung tätig war, habe inzwischen Nachholbedarf, die Ausbildung, jahrelang ein Vorzeigemodell, müsse auf den Prüfstand gestellt und angepasst werden, „bis runter zum Amateurbereich“.

Jetzt hört man wieder viel vom Straßenfußball, der wiederbelebt werden müsse. Die Straße, glaubt Hyballa, werde sich den Fußball zurückholen, nicht die Taktik sei Kunst, Kunst sei die Technik, die Ballfertigkeit. Irgendwie aber ist diese simple Erkenntnis etwas in Vergessenheit geraten, weil schon Jugendtrainer immer mehr unter Druck stehen, weil Ergebnisse und Tabellen, der Klassenerhalt in möglichst hohen Ligen, wichtiger scheinen als die individuelle Entwicklung einzelner Talente.

Robin Gosens‘ Weg mag als Beispiel dienen. Er hatte alle Freiheiten, die man den Jungs in den Leistungszentren offenbar zu stark beschneidet. Und setzt sich nun in Italiens Serie A durch, in der ein Gianluca Gaudino, von Kindesbeinen an bei den Bayern und lange als größtes Nachwuchstalent gefeiert, kaum einen Fuß auf den Boden brachte. Es gibt, Gosens zeigt es, doch noch andere Wege nach oben.

Von Reinhard Hübner

Die Nachwuchs-Ausbildung im deutschen Fußball steht in der Kritik – sie gehört auf den Prüfstand

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