Fern der Philosophen

von Redaktion

Der FC Bayern bemüht sich, den Fokus aufs Sportliche zu lenken – vergeblich

VON ANDREAS WERNER

Athen – Die Wege des Fußballs sind ergründlich, sie sind festgelegt durch Spielpläne der Verbände. Insofern ist es freilich Zufall, dass den FC Bayern sein Weg ausgerechnet jetzt nach Athen führt, um dort heute (18.55 Uhr) gegen den ortsansässigen AEK um Anschluss in der Champions League zu kämpfen. Ihre ganz eigene Sicht auf die Welt, die die Clubchefs am Freitag auf ihrer Pressekonferenz präsentiert hatten, hätte die alten Philosophen, die einst in Athen die Demokratie ausgetüftelt haben, amüsiert. Bevor sich der Münchner Tross gestern Vormittag in Richtung Griechenland aufmachte, war die Analyse ihrer historischen Pressekonferenz noch immer das beherrschende Thema.

Karl-Heinz Rummenigge bemühte sich vergeblich, den Fokus aufs Sportliche zu lenken. So leicht ist das nicht, zu viele Angriffsflächen hatte man geboten – sogar langjährige Gefährten wie Paul Breitner meinten, er sei „nach wie vor deprimiert, weil ich mir nie vorstellen konnte, dass sich dieser Verein diese Blöße gibt, diese Schwäche zeigt“. Breitner, selbst gewiss kein Kind von Traurigkeit, sagte im BR bei „Blickpunkt Sport“, mit dem Auftritt sei über Jahre geleistete Arbeit kaputtgemacht worden. Respekt, Achtung vor den Menschen, Höflichkeit und Fairness vorzuleben, „wäre eigentlich oberste Aufgabe der Führung“.

Rummenigge geriet auch gestern zusehends in die Defensive, nachdem er mehrfach gemeint hatte, die Pressekonferenz sei ein Zeichen an die Mannschaft gewesen, dass die Führung hinter ihr und Niko Kovac steht. Einige Spieler hätten sich bedankt, so der Clubchef, dann regte er zwei Mal an, die Sache nun auf sich beruhen zu lassen. Nur, um einfach zur Tagesordnung übergehen zu können, waren zu viele Fragen offen geblieben, nachdem die Pressekonferenz überhastet abgebrochen worden war.

Rummenigge wich auch gestern aus, wann immer er konnte, recht viel mehr blieb ihm ja nicht. Nicht zuletzt die Eröffnung mit dem Verweis aufs Grundgesetz hatte eine moralische Ebene aufgetan, die man nicht halten konnte. Von Uli Hoeneß’ Attacke auf den nach Paris verkauften Juan Bernat distanzierte sich Rummenigge. „Ich glaube, der Uli weiß, dass er zumindest mit dem einen Wort nicht sehr glücklich gelegen ist“, meinte er. Gemeint war das Zitat, Bernat habe einen Sch… dreck gespielt. Die Reaktion des Ex-Bayern habe Rummenigge gefallen, sagte er: „Er ist entspannt damit umgegangen.“ Weitere Fragen zum Präsidenten schnitt er in aller Deutlichkeit ab: „Ich bin nicht der Pressesprecher von Uli Hoeneß.“

Nicht sehr glücklich, das ist nicht allein auf ein Wort von Hoeneß zu reduzieren, vielmehr trifft es die Gesamtlage. Man solle „nicht minutiös jedes Detail der Pressekonferenz Revue passieren lassen“, bat Rummenigge, mit dem Echo habe man gerechnet. „Wir sind lange im Geschäft, können damit leben.“ Generell sei er „nicht der Medienbeauftragte der deutschen Gesellschaft. Ich will nicht das Fass aufmachen, dass ich für die Problematik zwischen Medien und Gesellschaft zuständig bin.“ Spätestens ab da ging es zurück zum Sport.

Es sei „wichtig, dass das Team in Wolfsburg den Bock umgestoßen hat“, lobte Rummenigge, „ich hoffe und wünsche mir, dass wir da anknüpfen“. Bayern ist nach dem 1:1 gegen Amsterdam (Joshua Kimmich: „Unsere schlechteste Saisonleistung“) im Hintertreffen. Mit Inter Mailand habe er einst in Athen gespielt, erzählte Rummenigge, „das ist kein so schönes Stadion“. Die Arena wurde zu den Olympischen Spielen 2004 renoviert, doch der Komplex ist tatsächlich erschreckend marode. Rummenigge fügte hinzu, seine Visite sei „gefühlt 100 Jahre her“. Das ist noch immer gut 2300 Jahre nach den Philosophen der Antike. Man ist sich derzeit fern.

Artikel 1 von 11