„In Griechenland ticken die Uhren anders“

von Redaktion

Ex-Bayer Ismael über eine kuriose Lebenserfahrung, Bayern-Gegner AEK und Pavards Zukunft

München – Valerien Ismael spielte von 2005 bis 2007 für den FC Bayern. Nach seiner Karriere startete der Franzose eine Laufbahn als Trainer, unter anderem beim 1. FC Nürnberg. Nachdem er im Sommer ein kurioses Kapitel in Griechenland erlebte, analysiert der 43-Jährige nun die Lage vor dem Gastspiel des FC Bayern bei AEK Athen.

Herr Ismael, zunächst einmal Glückwunsch: Letzte Woche tippten Sie auf ein 2:1 Ihrer Franzosen gegen Deutschland.

(lacht) Ja, stimmt. Es war lange ein gutes Spiel der Deutschen, sie haben Frankreich mit dem 3-4-3 überrascht. Wenn das 2:0 fällt, wird es ein komplett anderes Spiel.

Das Spiel wird trotz der Niederlage als Geburtsstunde eines neuen deutschen Teams gesehen.

Die Deutschen haben eine Zukunft mit diesen Spielern. Sie haben keinen Kylian Mbappé, aber wer hat den schon? Man sollte Joachim Löw die Zeit für einen Umbruch geben, und ich warne vor einer radikalen Verjüngung. Frankreich hat nach der WM 2002 genau das gemacht, weil es viele gefordert hatten – der Schuss ging damals komplett nach hinten. Erst, als die Erfahrenen wie Zinedine Zidane, Lilian Thuram, Claude Makele oder Willy Sagnol zurückgeholt wurden, wurde alles wieder stabiler, und so erreichten sie das WM-Finale 2006. Deutschland braucht definitiv einen Umbruch, aber man muss eine Achse haben. Ich verstehe jedoch die Öffentlichkeit, wenn sie sagt: Diese Achse muss Leistung bringen. Gerade die Bayern – außer Joshua Kimmich – sind nicht auf dem gewohnten Level.

Wie ist dieser Leistungseinbruch zu erklären?

Ich vermute, dass das WM-Aus noch nicht verdaut ist. Man braucht Zeit und muss loslassen können. Der Stachel sitzt noch immer sehr tief, und die gewohnte Leistung kommt so nicht mehr zustande. Viele Spieler sind mit sich selbst beschäftigt.

Von den Bayern-Spielern haben Jerome Boateng und Mats Hummels die größte Kritik abbekommen. Was sagen Sie als ehemaliger Innenverteidiger über das Duo?

Ihre Zeit ist noch nicht vorbei. Ich denke, es ist offensichtlich ein Motivationsproblem. Sie müssen sich wieder fangen, keine Frage, sie müssen die WM und den Frust abhaken. Erinnern Sie sich an Boateng bei der EM 2016 – überragend. Er ist noch immer einer der besten Innenverteidiger der Welt. Aktuell bringt er nicht das, was man von ihm gewohnt ist. Er muss sich neu fokussieren, dabei muss man ihm helfen. Immer nur draufhauen bringt nichts. Ich denke, Zuspruch vom Verein ist da wichtig, um wieder zum alten Selbstvertrauen zu kommen.

Ist Niklas Süle die Zukunft?

Momentan sucht er noch seine Konstanz. Aber dafür ist er zu Bayern gegangen – um sich dort auf hohem Level zu stabilisieren. Gegen Frankreich war er sehr gut. Mit seinen 23 Jahren ist er sicher einer, auf den Bayern und auch Löw bauen wird.

Steht Benjamin Pavard zurecht auf Bayerns Liste?

Bei der Nationalelf spielt er befreit. Er hat sich bei der WM einen Namen gemacht, dafür ist er dankbar. Beim VfB Stuttgart wird nun das Unmögliche von ihm erwartet, aber er spielt dort in der Innenverteidigung und nicht rechts, außerdem hat er andere Mitspieler – das macht es im Verein für ihn schwieriger. Er erinnert mich an Thuram. Der wollte auch immer lieber in der Innenverteidigung spielen – aber er war zu seiner Zeit der beste Rechtsverteidiger überhaupt. Pavard ist rechts hinten nicht wegzudenken, da sehe ich ihm am stärksten. Ich gehe davon aus, dass Pavard Stuttgart am Saisonende verlässt.

Wie sehen Sie die Situation von Niko Kovac?

Ich finde die Kritik an ihm übertrieben. Die ersten Wochen wurde er gefeiert, dann vernichtet. Es ist Wahnsinn, dass er diese Extreme eines Trainerlebens in München in so kurzer Zeit durchlebt. Kritik ist berechtigt, aber ein Trainer hat eine Chance verdient. Wenn er diese Situation bewältigt, ist er endgültig bei Bayern angekommen. Die Spieler werden vom Verein bezahlt, nicht vom Trainer. Also müssen sie alles für ihren Club geben. Als ich 2003 nach Deutschland kam, war der Druck auf die Spieler größer. Heute haben sie viel mehr Macht. Das ist eine gefährliche Entwicklung. So kann nichts aufgebaut werden. Wenn ein Verein von einem Trainer überzeugt ist, sollte er ihn bis zum Geht-nicht-mehr unterstützen. Kovac braucht volle Rückendeckung. Da darf kein Alibi für die Spieler entstehen, keine Angriffsfläche für die Medien, hinter der sich die Spieler verstecken können.

Haben die Bayern den Umbruch verschleppt?

Nein. Kingsley Coman wäre die Zukunft, hat sich aber verletzt. Es wird jetzt ein langer Weg, um an die Klasse von Franck Ribery heranzukommen. Bei Serge Gnabry ist viel Luft nach oben. Entscheidend wird sein, ob die Bayern weiter über die Flügel spielen wollen. Dann müssen sie dafür noch Spieler holen.

Hinter Ihnen liegt ein griechisches Abenteuer im wahrsten Sinn: Bei Apollon Smyrnis war nach dem ersten Spieltag Schluss. Was ist da genau passiert?

In Griechenland ticken die Uhren einfach anders. Da wird dir in einem Verein viel erzählt, was am nächsten Tag schon wieder anders ist. Ich bin nicht blauäugig dorthin, ich wusste, ich muss offen sein für Strukturen, die ganz anders sind, als wir sie kennen. Für mich war wichtig, wieder mit einer Mannschaft arbeiten zu können. Ich hatte einen Zweijahresvertrag und sollte eine Mannschaft aufbauen. Aber da hatten die Verantwortlichen eine andere Vorstellung, und am Ende wollten sie Einfluss auf die Taktik, Aufstellung und Einwechslungen nehmen. Es war ab einem gewissen Punkt einfach unmöglich für mich weiterzuarbeiten.

Man hört vieles über den griechischen Fußball, was man nicht glauben kann. War es die chaotischste Phase Ihrer Laufbahn?

Im griechischen Fußball wissen sie nicht, was das Wort Ruhe bedeutet. Bei Apollon war es so: Nach den ersten beiden Wochen Saisonvorbereitung hatte der Präsident schon zwei Spieler rausgeworfen. Davon einen, der gerade erst verpflichtet worden war. Er sagte einfach, er will diese Spieler nicht mehr sehen. In der Woche drauf waren es noch mal drei, dann noch mal zwei und eine Woche vor Saisonstart musste der Sportdirektor weg und noch ein Spieler. Wir hatten von einem 22-Mann-Kader plötzlich nur noch 14 Spieler. Da denkt man sich schon, was ist hier nur los? Es ist noch viel mehr passiert, aber ich habe das jetzt abgehakt. Es war eine neue Erfahrung für mich, so eine völlig andere Art des Arbeitens und des Führens eines Vereins kennenzulernen. Ich habe 14 Jahre in Deutschland gearbeitet, schätze die Mentalität hier, habe sie verinnerlicht. In Griechenland habe ich nicht den gleichen Standard erwartet und hätte mich angepasst. Aber es war einfach zu viel.

Wie ist AEK Athen einzuschätzen?

Das Level in der griechischen Liga ist nicht so hoch. Olympiakos Piräus, Paok Saloniki und AEK könnten in der Bundesliga mithalten. Alle anderen haben Niveau Zweite Liga. AEK hat sich in der Qualifikation gut präsentiert. Im Olympiastadion herrscht eine emotionale Atmosphäre, das Team kommt über den Kampfgeist und kann da punktuell schon gefährlich werden. In Rückstand sollte Bayern da nicht geraten.

Zählen die Bayern noch zum Favoritenkreis der Champions League?

In der momentanen Verfassung nicht. Aber Bayern hat viel Erfahrung. Man darf diesen Verein nie abschreiben.

Wie sind Ihre Pläne?

Ich habe mein Englisch in Sprachkursen intensiviert, weil mir eine dritte Sprache wichtig war. Momentan tendiere ich mehr zu einem Trainer-Job im Ausland, aber ich bin für alles offen. Auch als Sportdirektor habe ich schon Erfahrungen gesammelt. Die Erfahrungen in Griechenland waren wertvoll, um zu sehen, wie es ist, in einer ganz anderen Kultur zu arbeiten. Ich bin seit über 25 Jahren im Profifußball und kenne keine Berührungsängste. Für ein interessantes Projekt werde ich mich immer öffnen.

Interview: Andreas Werner

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