Geräuschlose Personalie

Neue Sachlichkeit beim TSV 1860

von Redaktion

ULI KELLNER

Vieles ist anders in diesem Herbst, das stellen nicht nur Klimaforscher fest, sondern auch Beobachter der örtlichen Fußballszene. Während die Sonne nicht aufhören will, die Menschen in München zu verwöhnen, liegt hinter beiden Münchner Proficlubs eine kleine Herbstdepression. 1860 blieb fünf Spiele sieglos – nicht unüblich rund um die Wiesn-Wochen. Eher ungewohnt ist, dass sich auch die Bayern eine Ergebnisauszeit gönnten (vier Spiele ohne Sieg). Noch erstaunlicher jedoch war der Umgang der beiden Clubs mit ihren Krisen. Die Bayern offenbarten blanke Nerven, die in einer Polter-PK für die Geschichtsbücher gipfelten. Sechzig dagegen: Kein Aufschrei, kein Krawall. Es herrschte paradiesische Ruhe, gemessen an früheren Chaosjahren.

Natürlich vor allem ein Verdienst des Trainers: Bierofka hat sportlich alles im Griff und strahlt auch sonst so viel Biss und Beharrlichkeit aus, dass ihm beide Gesellschafter nicht nur freie Bahn lassen, sondern ihn vorsorglich bis 2022 an den Verein gebunden haben. Bemerkenswert ist auch, dass Bierofka liefert, obwohl er die halbe Woche an der Sportschule Hennef verbringt. Das wiederum ist nur möglich, weil es einen Mann gibt, der dem Tausendsassa den Rücken freihält.

Die Rede ist von Günther Gorenzel, der in Kürze vom Sportchef zum Sportgeschäftsführer befördert wird – als Partner von Michael Scharold, der sich dann intensiver um den kaufmännischen Bereich kümmern kann. Anders als frühere Personalien erfolgt Gorenzels Aufstieg en passant, ohne hitzige Diskussionen. Es ist auch kein 50+1-Machtwort nötig – die Idee kam von Hasan Ismaik persönlich. Beide Seiten sind sich einig: Bierofka und Gorenzel, das passt wie lange kein Duo mehr bei 1860.

Der eine ist ein impulsiver Bauchmensch, der andere das Gegenteil davon. Der studierte Sportwissenschaftler aus der Steiermark bringt sein Talent zur sachlichen Analyse ein, seine 20-jährige Erfahrung im Profifußball – und nebenbei findet er sogar noch Zeit, von Montag bis Mittwoch den Cheftrainer zu vertreten. Auch die Transferpolitik dieses Sommers belegt, wie gut der Oberbayer und der Österreicher harmonieren: Trotz der sportlichen Ungewissheit, die jede Relegation mit sich bringt, gelang es, ein knappes Dutzend Verstärkungen an Land zu ziehen, sogar früher als sonst – und mit deutlich höherer Trefferquote als bei früheren Verantwortlichen.

Neu im Herbst 2018 ist, dass bei 1860 ausschließlich der Sport im Fokus steht. Fast gerät in Vergessenheit, dass es weiterhin nur eine Zweckehe ist, die den Verein an den derzeit ungewohnt stillen Mehrheitsgesellschafter bindet. Aber: Drängende Themen gibt es weiterhin genug. Der schwächelnde Nachwuchs, die ungeklärte Stadionfrage, das strukturelle Minus, das schon im Frühjahr für neue Machtkämpfe sorgen könnte. Gut, dass wenigstens im personellen Bereich alle Fragen geklärt sind. Aus Sicht der Löwen kann es jetzt wirklich Herbst werden. Stürmische Zeiten sind fürs Erste nicht zu erwarten.

uli.kellner@ovb.net

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