Nur den Bus fährt er nicht

von Redaktion

Gorenzel steigt bei 1860 zum Sportvorstand auf – die meisten anderen Jobs hatte er schon

VON ULI KELLNER

München – War irgendwas? Günther Gorenzel erweckte den Eindruck, als sei es ein ganz normaler Arbeitstag, den er gestern gegen 13 Uhr für eine kleine Mittagspause unterbrach. Er schaltete das Handy ein, hörte die Nachrichten ab – und ließ dann alle Anrufer ins Leere laufen, die ihn wegen seines beruflichen Aufstiegs kontaktiert hatten. Sportchef des TSV 1860 war der Steirer bisher, Sportgeschäftsführer mit weitreichenden Kompetenzen soll er künftig sein. Weil dem Beschluss des Aufsichtsrats vom Sonntag aber noch die anderen Gremien zustimmen müssen, gab sich Gorenzel sachlich unverbindlich, antwortete professionell, ohne Details preiszugeben – was dem 47-Jährigen generell nicht allzu schwerfällt.

„Ich äußere mich – Stand jetzt – überhaupt nicht zu dieser Sache“, erklärte Gorenzel: „Weil: Es ist noch nichts entschieden.“ Klar: Der Verwaltungsrat, in dem lauter e.V.-Hardliner sitzen, könnte Hasan Ismaiks Personalvorschlag immer noch ablehnen. Aber warum sollte er? Der frühere Co-Trainer und Juniorenchef hat sich lagerübergreifend einen Ruf als sachlicher Analytiker erarbeitet, als unaufgeregter Kenner des deutschen Fußballs und des Transfermarkts auch in unteren Ligen. So gesehen ist es nur logisch, den einstigen Quereinsteiger (Volleyball-Profi, Magister der Sportwissenschaft) aufzuwerten. Gorenzel jedoch sagte, auch auf die dritte Nachfrage hin: „In dieser Causa ist noch nichts entschieden.“ Und auch zur fünfstündigen Sitzung vom Sonntag mochte er nichts weiter sagen: „Es hat eine Presseerklärung gegeben (s. gestrige Ausgabe) – dabei will es der Verein belassen. Dabei will es auch ich belassen. Es wäre auch sicherlich nicht im Sinne der Gesellschafter, wenn ich da jetzt etwas kommentieren würde.“

Gerne dagegen sprach Gorenzel über andere Dinge. Zum Beispiel über den Profikader der Löwen, den er gemeinsam mit Daniel Bierofka zusammengezimmert hat – und dessen Tiefe und Breite am Samstag sichtbar wurde, beim 2:0-Sieg gegen Braunschweig, der andere Hauptdarsteller hatte als gewohnt. „Das Spiel war für mich eine Bestätigung, dass wir viele Möglichkeiten haben zu reagieren“, sagte Gorenzel und stellte ein Pauschallob aus: „Ich bin von allen Spielern überzeugt, die geholt worden sind.“ Also nicht nur von Grimaldi, Moll und Co., die am Samstag eine Nebenrolle spielten. Auch von Zugängen, die bislang im Schatten der Platzhirsche standen. Gemeint: Stefan Lex, der Spätstarter. Efkan Bekiroglu, der offenbar nicht nur Regionalliga kann. Und Romuald Lacazette, der Rückkehrer.

Stefan Lex

„Ich glaube an Stefan“, sagt Gorenzel: „Lexi ist von Ingolstadt gekommen und hat sich selber zu viel Druck gemacht. Über weite Strecken hat ihm dann das Selbstvertrauen gefehlt – und wie wichtig das ist, sieht man ja auch auf der anderen Seite der Straße.“ Mit besten Grüßen an den FC Bayern, dessen Durchhänger ja auch der einen oder anderen Formkrise geschuldet war. Gorenzel sieht es so: „Stefan hat jetzt erstmals gezeigt, wozu er imstande ist.“ Vorbei die Zeit, da er den Erdinger in einem „Schneckenhaus“ verortete. Jetzt rechnet Gorenzel damit, häufiger beherzte Lex-Solos zu sehen, wie vor dem lehrbuchmäßig herauskombinierten 1:0.

Efkan Bekiroglu

„Efkan ist ein Spieler, der Riesenpotenzial hat – und der seine Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft hat, sagt Gorenzel: „Es liegt jetzt nur an ihm, dieses immense Potenzial weiter abzurufen. Wir trauen dem Jungen einiges zu. Sonst hätten wir ihn ja nicht verpflichtet.“ Bekiroglu selbst sagte nach seinem Siegtreffer gegen Braunschweig: „Ich war schon ganz zufrieden mit mir, will mich aber jedes Spiel verbessern.“

Romuald Lacazette

„Laca hat nicht umsonst in höheren Ligen gespielt“, sagt Gorenzel über den Mittelfeld-Rackerer, auf den Bierofka einst schon im Abstiegskampf der 2. Liga setzte (ehe der Franzose nach dem Doppelabstieg bei Darmstadt 98 anheuerte). „Es ist nicht einfach, wenn man so lange kein Stammspieler war. Deswegen hat Laca sicher auch noch einiges an Luft nach oben.“

Gut gefallen hat Gorenzel zudem, dass der Kader sogar interne Rochaden zulässt – wenn etwa der Sechser Daniel Wein spontan in der Innenverteidigung aushilft. „Es macht keinen Sinn, zu viele ähnliche Typen zu haben“, predigt der Kaderplaner: „Du brauchst Spieler, die flexibel sind und verschiedene Positionen bekleiden können – und genau das haben wir.“

Ein hübsch verpacktes Eigenlob des Steirers. Sei ihm aber verziehen am Tag nach seiner Quasi-Beförderung. Er selber ist schließlich das beste Beispiel für Vielseitigkeit. Bis auf Busfahrer war Gorenzel schon fast alles bei 1860 – künftig ist er halt auch noch der Mann, der Ismaik das Geld rausleiern muss, um Bierofkas Team voranzubringen.

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