Singapur – Zur Geisterstunde in Singapur sah Angelique Kerber aus, als könne sie dringend Urlaub gebrauchen. Ihr Blick fixierte das Nichts, während ihr Trainingspartner und Interimscoach Andre Wiesler auf sie einredete. Die Worte verklangen, Kerber verlor und musste sich weit nach Mitternacht Mut machen für ihr erstes Endspiel beim WTA-Saisonfinale: Bei einer Niederlage heute gegen Naomi Osaka könnte das Aus bereits besiegelt sein.
„Ich weiß, ich muss meine nächsten Spiele gewinnen, aber ich habe noch Chancen. Noch bin ich nicht ausgeschieden“, sagte die formschwache Wimbledonsiegerin nach dem 6:1, 3:6, 4:6 gegen Ersatzspielerin Kiki Bertens (Niederlande). Tief saß die Enttäuschung über die vergebenen Möglichkeiten, das war kaum zu übersehen, doch noch hofft Kerber auf die K.o.-Runde. „Es ist immer noch da, ich muss nur konstanter auftreten“, sagte sie.
So wie zu Beginn der Partie gegen Bertens, als Kerber spielte wie in der ersten Jahreshälfte. Teilweise erinnerte ihr Tennis auch an ihre Traumsaison 2016, die nach ihren ersten beiden Grand-Slam-Titeln und Silber in Rio erst im Finale von Singapur ein Ende fand. Doch nach und nach kam Kerbers zweites Gesicht zum Vorschein, voller Frust und Zweifel. Sie zögerte. Für Bertens der Moment, um anzugreifen.
Sie habe ihre Komfortzone verlassen, um das Match zu drehen, sagte Bertens später. Erst durch die Absage der rumänischen Weltranglistenersten Simona Halep war sie ins Feld der acht saisonbesten Spielerinnen gerückt – und nutzte ihre Chance. Das Halbfinale am Samstag ist für die Außenseiterin in greifbare Nähe gerückt, so wie für Kerber das Aus und der vorzeitige Urlaubsbeginn.
Das Szenario dafür ist nicht unwahrscheinlich: Verliert sie ihre zweite Partie und gewinnt die Amerikanerin Sloane Stephens nach dem 7:5, 4:6, 6:1 gegen US-Open-Siegerin Osaka auch gegen Bertens, wäre Kerber nach den Gruppenspielen ausgeschieden. Zum vierten Mal bei fünf Teilnahmen am Saisonfinale. Dann könnte sie sich auf die Suche nach einem Nachfolger für Erfolgscoach Wim Fissette begeben, von dem sie sich kurz vor Singapur überraschend getrennt hatte.
Doch noch ist es nicht so weit. „Das Verrückte ist ja: Du kannst ein Spiel verlieren und immer noch das Turnier gewinnen“, hatte sie vor dem ersten Ballwechsel gesagt. Die Statistik gegen Osaka spricht für sie, drei der vier Duelle mit der Japanerin hat Kerber für sich entschieden. Wenn sie an die Anfangsphase der Partie mit Bertens anknüpft, kann Kerber ihre verdienten Ferien noch ein wenig hinauszögern. sid