Münchner Philosophenschule

von Redaktion

Athen – Auf den olympischen Stadionleinwänden des Stadions von AEK Athen war Thomas Müller zu sehen. Er lachte und hatte sichtlich Spaß am Spiel mit seinen Kollegen. Alles also eigentlich wie immer, doch zwei Details passten nicht: Müller und seine Kollegen trugen Trainingskluft. Die Leinwände zeigten Bilder vom Aufwärmen. Müller saß zum Spielbeginn dann auf der Ersatzbank.

Die Bayern ärgern journalistische Beiträge, die mit einem VIP auf der Reservebank beginnen und sich dann um einen Spieler drehen, der an dessen Stelle wirbelt. Bereits am Vortag der Partie hatte Niko Kovac geseufzt bei der routinemäßigen Frage nach der Rotation; sie gehöre dazu, so der Coach, nur werde bei den Bayern gerne etwas Schlimmes draus gemacht. Wie souverän Müller derzeit mit seiner Rolle als Ergänzungskraft umgeht, fällt dabei zu oft unter den Tisch. Der 29-Jährige gab auch gestern den mannschaftsdienlichen Gaudiburschen, das ist die eine Wahrheit. Die andere ist, dass sein Vertreter Serge Gnabry seine Sache richtig gut machte, genauso wie schon letzte Woche mit der deutschen Nationalmannschaft in Paris. Müller auf der Bank, Franck Ribery verletzt zuhause – Gnabry avancierte neben Thiago zum besten Spieler der Partie.

Athen war in der Antike ein Platz, an dem ein harmonisches Lernen voneinander die Menschen elementar voranbrachte. Sokrates unterrichtete Platon, Platon lehrte Aristoteles – im übertragenen Sinn stellen sich die Münchner Bosse so ein Modell auch für ihre Flügelspieler vor. Die Philosophie des FC Bayern ist das Attackieren über Außen, die alten Haudegen Ribery und Arjen Robben sollen die neuen Talente wie Gnabry, den derzeit verletzten Kingsley Coman und den für den 1. Januar einbestellten Alphonso Davies als Lehrmeister heranführen. Gnabry wächst in seiner Rolle als Schüler seit einigen Wochen erfreulich, ab und zu wird er sogar schon Klassenbester. Wie gestern.

In der ersten Hälfte war nahezu jede gefährliche Aktion auf den Neuzugang zurückzuführen, in der zweiten leitete er das 1:0 und auch das 2:0 ein. In der Schlussviertelstunde nahm ihn Kovac dann aus der Partie – pädagogisch wertvoll, dieser Kniff. Zum einen wird Gnabry in den anstehenden Spielen ja wieder gebraucht. Zum anderen beorderte er für den Mitarbeiter des Tages Müller in die Partie. Man sollte von ihm an diesem Abend nicht nur Bilder zu sehen bekommen, wie er in Trainingsklamotten gute Laune verbreitet. Kovac hatte so Athens alte Philosophenschule der Harmonie fortgeführt. ANDREAS WERNER

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