Pristina – Nein, Feierlaune wollte nicht aufkommen, als die deutschen Handballer früh am Morgen in den Flieger gen Heimat kletterten. Zwar hatten Uwe Gensheimer und Co. ihre sportlich perfekte Lehrgangswoche mit einem standesgemäßen 30:14-Erfolg im Kosovo abgeschlossen, doch die Verletzungen der beiden Europameister Julius Kühn und Jannik Kohlbacher trübten das gute Gefühl. Zu Recht: Wie sich am Abend herausstellte, zog sich Kühn einen Kreuzbandriss zu – das Rückraum-Ass wird die Heim-WM im Januar definitiv verpassen.
„Das ist eine furchtbare und schlimme Nachricht für ihn persönlich, für Melsungen und die Nationalmannschaft“, sagte Bundestrainer Christian Prokop und fügte mit Blick auf diesen „Schock“ an: „Unsere Gedanken sind bei ihm. Wir können ihm nur alles Gute wünschen und ihm unsere volle Kraft und Unterstützung zukommen lassen. Er ist mit seiner unheimlichen Physis in den vergangenen Jahren zu einer konstant spielenden Größe geworden. Gegner müssen besondere Maßnahmen ergreifen, um ihn zu stoppen.“
Die makellose Bilanz von 4:0-Punkten in der EM-Qualifikation und das frische Selbstvertrauen rückten angesichts dieser Hiobsbotschaft und der immer größer werdenden Sorgen erst einmal in den Hintergrund. Kühn hatte sich bei einem Sprungwurf nach der Pause das rechte Knie lädiert, Kreisläufer Kohlbacher war bei einer Offensivaktion in der ersten Halbzeit unglücklich auf den Rücken gefallen. Für beide war die Partie am Sonntagabend sofort beendet.
Sorgen bereiten neben Kühn und Kohlbacher auch die Berliner Rückraumspieler Paul Drux und Fabian Wiede, die beide verletzt fehlten und voraussichtlich auch den November über pausieren müssen. Zudem waren zuletzt mit Steffen Weinhold und Kai Häfner zwei weitere Linkshänder aufgrund leichter Blessuren nicht dabei.
Dennoch zeigte sich Prokop mit der Lehrgangswoche zufrieden. Das Team habe sich einige Dinge im taktischen Bereich erarbeitet und zudem zwei Erfolge eingefahren. „Mit diesen Siegen haben wir einen nächsten kleinen Schritt in Sachen Vorfreude in Richtung Heim-WM gemacht“, sagte der 39-Jährige und hob die Abwehrleistung positiv hervor: „In puncto Chancenverwertung haben wir sicherlich noch Steigerungspotenzial.“ Auch Reichmann befand selbstkritisch: „Wir haben noch viel Luft nach oben.“
Viel Zeit für die Feinjustierung bleibt aber nicht mehr. Schon am 10. Dezember wird Prokop einen vorläufigen 28er-Kader nominieren, der nach den verbleibenden Testspielen gegen Polen (12. Dezember), Tschechien (4. Januar) und Argentinien (6. Januarl) bis zum Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels am 10. Januar auf 16 Spieler reduziert werden muss.
Zumindest eine Sorge fällt nach dem erfolgreichen Doppelschlag zum Quali-Start weg: Die Endrunden-Teilnahme bei der EM 2020 dürfte für das deutsche Team im kommenden Jahr nur noch Formsache sein. Denn nach dem Sieg im Kosovo und dem 37:21 vier Tage zuvor gegen Israel liegt die DHB-Auswahl in Gruppe 1 der EM-Qualifikation mit 4:0-Punkten souverän vorn.