Der eine schnitt Teile des Tornetzes raus, andere setzten auf Selfies als Souvenir. Als hätten Sergio Ramos und Co. eine Vorahnung gehabt, dass dieser magische Abend im Meazza-Stadion nur ganz schwer zu toppen sein würde. Zum dritten Mal in Folge hatten die Stars von Real Madrid die bedeutendste Trophäe des Vereinsfußballs gewonnen. Eine historische Leistung. Aber auch eine Bürde für jeden, der sich daran messen lassen muss.
Ausgeschlossen ist es ja nicht, dass die Spanier auch am Ende dieser Saison den Henkelpott nach oben stemmen werden. Zumindest in der Champions League ist der Titelverteidiger halbwegs auf Kurs. In der Liga dagegen stolpern die Real-Stars von einer Blamage zur nächsten. Nach zehn Runden steht der Stolz Spaniens auf Platz 9 – zwischen Vorstadtclub Getafe und den C-Promis aus Vigo und Girona. Auch das Prestigeduell namens Clásico ging krachend in die Binsen: 1:5 gegen den Erzrivalen Barça. Qué desastre! Die sportliche Ist-Situation als fundamentale Krise zu bezeichnen, ist keine Untertreibung. Im Gegenteil. Sie kratzt am Selbstverständnis des Rekordclubs und führte zu einer Panikaktion, die man sonst eher von Abstiegskandidaten kennt: Trainer Julen Lopetegui, im Sommer erst installiert, wurde vom königlichen Hof gejagt. Weg der Mann, der ja schon Spaniens WM-Mission auf dem Gewissen hatte, weil sein Wechsel nach Madrid zu früh an die Öffentlichkeit gelangte.
Dass er dort krachend gescheitert ist, steht außer Frage. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass es denkbar ungünstige Voraussetzungen waren, die Lopetegui vorfand. Ein Team, das nicht nur dem lichtgestaltartigen Trainer Zidane nachtrauerte, sondern auch einem der größten Torjäger aller Zeiten, Cristiano Ronaldo. Transfers, die sich für Real-Verhältnisse bescheiden ausnehmen, konnten den Verlust nicht ausgleichen. Verloren gegangen ist aber noch etwas viel Entscheidenderes als zwei Ausnahmeerscheinungen: Die Gier auf Erfolg scheint doch merklich gelitten zu haben in den fetten Jahren. Stars wie Toni Kroos wirkten schon bei der WM nicht mehr so hungrig. Und was mit einer Erfolgsmannschaft passiert, die in die Jahre kommt, ohne mit frischen Kräften gespeist zu werden, hat zuletzt auch Joachim Löw erlebt.
Nicht unüblich ist, dass die Hoffnungen nun auf einem neuen Trainer ruhen. Ob der mittelfristig Solari, Conte oder Mourinho heißt, dürfte aber kaum eine Rolle spielen. Entscheidender für Real wird sein, möglichst bald einen Neuaufbau einzuleiten. Dass auf dem Weg dorthin noch manch großer Champions-League-Abend gelingt, ist nicht ausgeschlossen. Erlesene Qualität ist ja nach wie vor vorhanden. Jedoch: Sie scheint sich nur noch für die adrenalinreiche Kür wecken zu lassen – nicht für das beschwerliche Alltagsprogramm namens La Liga.
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