Zwei Ticken mehr Qualität

von Redaktion

Adriano Grimaldi ist bei 1860 sportlich unumstritten, nur privat fremdelt er noch ein wenig

VON ULI KELLNER

München – Manchmal, wenn er nicht gerade auf dem Fußballplatz steht, fremdelt Adriano Grimaldi, 27, in seiner neuen Umgebung. Göttingen, die Heimat des Deutsch-Italieners ist überschaubar klein. München, sein neues Arbeitsumfeld, ist schön, kann aber auch unpersönlich wirken. „Es ist immer schwer, sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden, gerade mit der Familie“, sagt der 1860-Stürmer: „Wir kommen von der Kleinstadt und kennen das Großstadtleben nicht wirklich. Wir haben also gemischte Gefühle.“ Die Frage eines Reporters nach seiner persönlichen Wohlfühlskala („1 bis 10“) lässt Grimaldi bewusst unbeantwortet.

Würde man die 1860-Fans umgekehrt fragen, wie zufrieden sie mit dem Zugang von Preußen Münster sind, so ergäbe sich wohl ein einheitliches Meinungsbild. Mit vier Toren und sechs Assists steht Grimaldi auf dem (geteilten) ersten Platz der Scorerliste. Der frühere Mainzer, von Thomas Tuchel einst gefördert, stieg auf Anhieb zur zentralen Größe im Spiel der Löwen auf, die Mitspieler suchen ihn, junge wie alte, denn sie wissen: Bei Grimaldi ist jeder Ball gut aufgehoben. Wenn er ihn nicht selbst verarbeitet, legt er ihn in die Gasse, schirmt ihn ab – oder macht ihn einfach rein. Bei Preußen Münster, seinem Ex-Club, herrschte tiefe Betroffenheit, als der Mann seinen Abschied verkündete, den Game-of-Thrones-Fans mit dem schwermütigen, wortkargen Jon Snow vergleichen.

Dieser Vergleich ist allerdings nur optisch zulässig, denn weder wirkt es melancholisch, wenn Grimaldi über seinen Wechsel in die Großstadt spricht, noch kommt er wortkarg rüber. Das Gegenteil ist der Fall. Grimaldi verhehlt nicht, dass er privat noch nicht ganz angekommen ist in München. Und er spricht ohne erkennbare Reue darüber, dass er sich bewusst für die schwierigere Option entschieden hat. „Ich bin gekommen, um für einen großen Verein zu spielen“, sagt er: „Mir war klar, dass wir erst mal gegen den Abstieg spielen – und nicht um den Aufstieg.“ Dass sein Ex-Verein offensichtlich im Aufstiegskampf mitmischt, überrascht ihn nicht – und er gönnt es den ehemaligen Kollegen. „Sollte Münster aufsteigen, freue ich mich für sie“, sagt er: „Ganz einfach, weil die Verbindung immer noch sehr groß ist.“

Das wird auch am Samstag zu sehen sein, wenn Grimaldi mit den Löwen im kleinen Preußenstadion antritt. „Es werden viele alte Bekannte da sein“, sagt er: „Die alte Nachbarschaft, meine Basketballgruppe . . .“ Nicht zu vergessen die mindestens 10 000 Zuschauer, die sich schon jetzt auf das Stelldichein zweier Traditionsclubs freuen. Grimaldi ahnt, dass da keine leichte Aufgabe auf ihn und die Löwen zukommt. Münster habe ein gewachsenes Team, gute „Pressingspieler“ und Zweikampfhärte. Seine Löwen stuft er spielerisch stärker ein, nachdem er gelbgesperrt zuletzt von der Warte des Tribünensitzers Einblicke genoss („sah gut aus“). Er versieht diese Einschätzung aber mit einem Aber. Auch „zwei Ticken mehr Qualität als Münster letztes Jahr“ reiche momentan nur selten, um die volle Punkteausbeute aufs Konto zu schaffen. Warum das so sei, wird der erfahrene Drittligaprofi gefragt. „Kleinigkeiten“, brummt er: Mal stimme der Laufweg nicht, mal die Zuordnung, mal die Entschlossenheit vor dem Tor. Normal für einen Aufsteiger, findet der 27-Jährige.

Nachdenklich wird Grimaldi bei der Frage, warum er im besten Fußballeralter immer noch in der 3. Liga spielt – wo sein Spiel doch wie geschaffen wäre für kampfstarke Teams in der 2. Liga. Tja, sagt der 1,88-m-Hüne: „Gute Frage . . . Wenn ich das wüsste, wäre ich jetzt nicht hier.“ Wahrscheinlich habe ihm bei seinen früheren Stationen „etwas gefehlt“: ein bisschen Erfahrung, ein bisschen mentale Stärke. Länger geblieben ist er weder in Heidenheim noch in Osnabrück, in Düsseldorf genauso wenig wie in Sandhausen. Bei den Preußen war er noch am längsten (zweieinhalb Jahre), zuletzt sogar als Kapitän. Ansonsten wirkt es, als wäre er stetig auf der Suche. „Wenn man meine Vita sieht, kann man das schon denken“, sagt er, legt aber plausibel dar, warum es fast nie geklappt hat, dass er seine Verträge erfüllen konnte. „Man kann ja nur etwas festlegen“, sagt er: „Ob es dann so kommt, liegt teilweise in meiner Hand, teilweise in anderen Händen.“

Was ihn und 1860 angeht, habe er trotzdem ein gutes Gefühl. „Sechzig und ich, das funktioniert sehr gut zurzeit.“ Nicht ohne Grund hat er einen Vertrag bis 2021 unterschrieben. Zeit wäre also noch, auch privat endlich anzukommen. Grimaldi gibt sich da ganz optimistisch: „Wir arbeiten daran, dass es noch besser funktioniert.“

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