Istanbul/München – Als die Basketballer des FC Bayern sich gestern in der Ülker-Sportarena in Istanbul aufwärmten, meldete sich ein kleiner Junge mit einem Fenerbahce-Trikot. Er knipste dann ein Selfie mit Derrick Williams, der in der NBA schon mit LeBron James zusammenspielte, in diesem Sommer aber zum FC Bayern wechselte. Eine Szene, die der deutsche Meister auf seinem Twitterkanal dokumentierte – und die offenbarte: Was gerade in München passiert, finden auch die Basketballfans in Istanbul spannend.
Diesen Eindruck verfestigten die Bayern an diesem Abend – obwohl sie Fenerbahce Istanbul 84:88 (48:51) unterlagen. Sie stellten sich zwischenzeitlich sogar so gut an, dass Istanbuls Trainer Zeljko Obradovic seine Spieler in einer Auszeit anschreien musste. Auch den erfolgsverwöhnten Fans merkte man eine gewisse Nervosität an, für ein eher unbedeutendes Spiel im November pfiffen sie oft und laut. Die Bayern dürfen das als Kompliment verstehen.
Es gehört zu den besonders kniffligen Aufgaben des europäischen Basketballs, ein Euroleague-Spiel in Istanbul zu gewinnen. Das haben die Bayern vor knapp vier Wochen erfahren, als sie in der türkischen Stadt 71:90 verloren – damals gegen Anadolu Efes. Am fünften Spieltag steigerten sie sich, forderten Fenerbahces Superteam, das zuletzt dreimal in Serie im Finale der Euroleague spielte, bis in die letzten Sekunden heraus. Zwei Spiele haben sie nun gewonnen, drei verloren. Der Fortschritt ist aber messbar.
Schon in den ersten zehn Minuten zeigten die Bayern, dass sie auch in der Ülker-Sportarena mithalten können, wo Fenerbahce bereits jeden europäischen Spitzenclub vernascht hat. Das konnte man nicht nur am Spielstand feststellen, sondern an kleinen Details. Einmal foulte Nihad Djedovic, als er merkte, dass die Zuordnung in der Defensive nicht stimmte. Eine schnelle und kluge Entscheidung. Derrick Williams fischte mit seinen langen Armen einen Rebound aus Luft, obwohl ihn drei Istanbuler umringten. Und Nemanja Dangubic, der in den vergangenen Wochen den Korb oft verfehlt hatte, traf mit seinem ersten Wurf einen Dreier.
Die Angriffe der Bayern dirigierte Stefan Jovic, der fast immer die richtige Entscheidung traf. Mal passte er, mal dribbelte er selbst zum Korb, am Ende hatte er zwölf Punkte und sechs Vorlagen angesammelt. Das Bayernspiel verlor an Leichtigkeit, als er sich auf der Bank ausruhte. In Istanbul hängten sich aber alle Münchner rein, was sich an den Rebounds messen lässt. Sie holten acht mehr als Fenerbahce. „Es ist ein großes Spiel für uns, das motiviert uns“, sagte Devin Booker, mit 15 Punkten Bayerns Topscorer, im Halbzeit-Interview.
Im Angriff fiel den Bayern gestern fast immer eine Lösung ein, nur fehlten in der Abwehr manchmal die Ideen. Wenn Fenerbahce einen Treffer benötigte, fiel er auch. Das hat auch mit den Einzelkönnern zu tun, die der Verein aufbieten kann. Luigi Datome (19 Punkte), Jan Vesely (16 Punkte) und Kostas Sloukas (11 Punkte, 10 Vorlagen) zeigten in den entscheidenden Momenten, dass sie eben zu den Besten Europas gehören – und räumten daher hinterher wohl die Sieger-Selfies ab.