Fußtritt in den Solarplexus

von Redaktion

Die Bayern rätseln über ihre Ideenarmut – ausgerechnet jetzt fällt Thiago aus

VON ANDREAS WERNER

München – Das Abschlussbild in Osnabrück fügte sich passend ins finstere Gesamtwerk ein: Thiago mühte sich auf Krücken zum Bus, Niko Kovac ahnte da bereits, dass er eine längere Zeit auf den Spanier verzichten muss. „Wieder einer weniger“, hatte der Coach in seiner Analyse nach dem unrühmlichen Zitter-2:1 gegen den Viertligisten Rödinghausen aufgestöhnt. 24 Stunden später wurde aus düsterer Vorahnung tiefdunkle Gewissheit. Thiago fällt mit einem Riss des vorderen Außenbandes sowie der Kapsel im rechten Sprunggelenk mehrere Wochen aus.

So ideenarm, wie die Bayern derzeit agieren, ist dieser Verlust so schmerzhaft wie ein Schlag auf den Solarplexus, ach was: schmerzhafter. Eher wie ein Fußtritt. Es fehlt ja jetzt schon nicht viel, um die Münchner mit einem einzigen Hieb zusammenklappen zu lassen; jetzt, ohne ihren Kreativdirektor in der Zentrale, wird es ihnen noch etwas schwerer fallen, sich auf- und auszurichten. Thiago stand bisher nur gegen Augsburg nicht in der ersten Elf, bis zum Pokalspiel gegen Rödinghausen hatte er ansonsten jede andere Partie über 90 Minuten bestritten. Der 27-Jährige war bisher der einzige Münchner, der in letzter Zeit nicht mit der Suche nach sich selbst beschäftigt gewesen ist, er zählte jedes Mal verlässlich zu den Tagesbesten. Ein Metronom der Münchner, die nun völlig aus dem Takt geraten könnten.

Das einzig Tröstliche ist: So sehr der Ausfall schmerzt, in der Zentrale gibt es – anders als auf der Außenbahn – Alternativen, wenn auch keine in Thiago-Form. Zwar ist der Kreuzbandriss von Corentin Tolisso nun noch ärgerlicher, doch Renato Sanches spielte am Dienstag in der ersten Hälfte stark, James ist immer einer für die erste Elf, und Leon Goretzka zeigte ebenfalls gute Ansätze (wurde aber auch seinem Ruf gerecht, verletzungsanfällig zu sein). Es wird sicher ein paar „Schlaumeier“, aktuell so etwas wie ein Modewort an der Säbener Straße geben, die die Verkäufe von Arturo Vidal und Sebastian Rudy in dieser Situation anmahnen werden. Doch da verfehlen sie den Kern der Problematik. Es ist durchaus Personal da. Nur lässt sich bisher keine echte Struktur im Münchner Spiel erkennen.

Manuel Neuer fand den Pokalauftritt „nicht Bayern-like“, David Alaba bekrittelte: „Wir haben aufgehört, Fußball zu spielen.“ Hasan Salihamidzic war wie so oft ratlos („kann ich mir nicht erklären“), auch Kovac blieb Erklärungen schuldig. Auffällig ist, wie kritisch die Spieler die Entwicklung seit Wochen kommentieren. Es liegt viel im Argen, man sieht es auf dem Platz, und man liest es ohne Mühe aus den Analysen heraus. „Fußballerisch sind wir gerade nicht in unserer besten Phase“, gab Arjen Robben gegenüber „Amazon Music“ zu, „es gab natürlich mal Zeiten, in denen es einfacher lief. Das spüren wir Spieler auch, und es ist keine Schande, das zuzugeben.“

Unter anderem sah man es seinem alten Kollegen Franck Ribery deutlich an, dass die einfachen Zeiten passé sind. Der Franzose lief sich am Dienstag immer wieder fest, man hatte fast Mitleid mit diesem verdienten Helden. Wie er sich gegen einen Gegner wie Rödinghausen verlor, auch das fügte sich ins finstere Gesamtbild.

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