Zuschauermagnet FC Bayern

Kaiser Wilhelm II. in seinen letzten Zügen

von Redaktion

ANDREAS WERNER

Gerhard Polt schaut dem Volk seit Jahrzehnten aufs Maul, und seine feinen Beobachtungen bringt er pointiert unter selbiges. „Ich hab’ ja den Boris Becker noch lieber, wenn er verliert“, ließ er mal eine seiner Figuren sagen. Polt huldigte damit dem Dramatiker, der in dem ehemaligen Tennis-Star steckte und die Menschen tatsächlich auch dann in seinen Bann ziehen konnte, wenn er mal reihenweise Bälle verschlug. Man litt mit Becker mit, doch das Zitat hat noch eine zweite Ebene: Irgendwo schlummert sie in der deutschen Seele, schwer zu erklären und ebenso schwer zu verleugnen: Eine gewisse Lust am Untergang. Die Deutschen haben zurecht den Ruf, ein Volk der Funktionsliebenden zu sein. Aber sie sind auch oft, wie kurios, heimlich Liebhaber des Sich-Zersetzens. Nicht umsonst lässt Goethe seinen Mephistopheles wunderbar orakeln: „Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Damit zum DFB-Pokal.

Genauer gesagt: zu den Einschaltquoten bei der zweiten Runde. Vor den Partien am Dienstag und Mittwoch gab es Unmut, weil sich die ARD zum Auftakt für den FC Bayern gegen den viertklassigen SV Rödinghausen entschieden hatte, obwohl es attraktive Alternativen gab. Axel Balkausky, der Sportkoordinator des Senders, begegnete dem Vorwurf mit dem Hinweis, die polizeilichen Rahmendaten hätten verhindert, Köln gegen Schalke bereits am Dienstag zu zeigen. Das hätte man vorgezogen. So aber meinte er: „Bayern gegen Rödinghausen ist doch auch schön.“ Ein TV-Fuchs weiß ja, was Quote bringt.

Die Zuschauerzahlen lauteten dann entsprechend: Während bei den Bayern 5,8 Millionen Deutsche zuschalteten, sahen tags darauf bei Leipzig gegen Hoffenheim nur 4,2 Millionen zu. Zum einen haben die Münchner die größte Fangemeinde in der Republik, zum anderen bedienen sie aktuell den dunklen Trieb der Teutonen: Dass es Spaß machen kann, zuzuschauen, wie etwas kaputtgeht. Die Bayern ziehen in Schwächephasen mindestens so gut, wie wenn sie alles in Grund und Boden spielen.

Das ZDF konterte Leipzig gegen Hoffenheim mit dem Dokudrama „Kaisersturz“. Mit Sylvester Groth als Wilhelm II. in seinen letzten Zügen. Stolze 3,7 Millionen schauten zu. Ein weiterer Beleg für die Lust der Deutschen am Untergang. Polt fällt dazu sicher eine Pointe ein. Und irgendwo hört man Mephisto Beifall klatschen.

andreas.werner@ovb.net

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