von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

Der Begriff von den „Rasenfunk-Studios“ ist zum Running Gag geworden.

Studios – man denkt an die Abbey Road Studios und die Aufnahmen der Beatles, die Blackbird Studios in Nashville, wo die Alben von Bruce Springsteen entstanden, die Rockfield Studios in Wales, wo Queen „Bohemian Rhapsody“ einsang. Man sieht Mischpulte, an denen Lichter blinken, und Soundtechniker, die dicke Kopfhörer tragen und Regler rauf und runter schieben.

Und die Rasenfunk-Studios? Sind in München-Giesing. In einem Reihenhaus. Max-Jacob Ost führt in die Dachetage. Hier stehen Holzregale mit Fußballbüchern und seiner 11-Freunde-Heftsammlung – und seine kleine Computer- und Bildschirmlandschaft. Den Tisch kann er in der Höhe verstellen, er kann sitzen oder stehen – und immer blickt er hinaus auf den Stadtteil, auf Häuschen, Gärten, die Straße.

Von hier verbindet sich Max-Jacob Ost mit der Welt. Über Skype, Studiolink, zur Not auch das Telefon. Seine Gesprächspartner sind in anderen Städten, manchmal auch anderen Ländern. Gesprochen wird über Fußball, bisweilen stundenlang. Die Sendung, die so entsteht, heißt Rasenfunk. Sie ist soeben von der Deutschen Fußball-Akademie als bester Fußballpodcast ausgezeichnet worden, Max-Jacob Ost stand am Freitag vor einer Woche in Nürnberg auf der Bühne, zum Ausklang des Abends wurde „We Are the Champions“ gespielt, und Horst Hrubesch, mit dem Walther-Bensemann-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet, drückte den Münchner fest an sich.

Zuvor war Ost von der Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein gefragt worden, was denn der Antrieb für den Podcast gewesen wäre. Unzufriedenheit mit der Art der Berichterstattung in den großen Medien, sagte er – zu einer prominenten Vertreterin eben der großen Medien.

2014 hat Ost mit seinem Kumpel Frank Helmschrott angefangen, zu podcasten. Unter der Dachmarke „Rasenfunk“ in drei Formaten. Nach jedem Bundesliga-Spieltag gibt es die „Schlusskonferenz“, in der Ost als Moderator mit Journalisten, Bloggern, anderen Podcastern oder Fans ein Spiel nach dem anderen bespricht. 194 Folgen bis jetzt. Im „Kurzpass“ hat er gerade die 100. Ausgabe online gestellt, ein Gespräch mit der in Moskau lebenden Journalistin Katrin Scheib zum Thema, was denn geblieben sei von der WM im Sommer. Schon mal etwas länger geraten kann das „Tribünengespräch“, Gast war etwa der Ex-Profi Ralph Gunesch („Felgen-Ralle“), der fünfeinhalb Stunden aus seiner Karriere erzählte. Das war auch der zeitliche Maßstab für Gespräche über Taktik oder eine kontroverse Runde zum Projekt Rasenballsport Leipzig, die als Wettbewerbsbeitrag eingereicht wurde und gewann. Insgesamt hatte Max-Jacob Ost 240 Talk-Gäste.

Zur WM sendete der Rasenfunk täglich. Was als Hobby begann, hat sich zum Beruf ausgewachsen. Schon deshalb, weil Ost versucht, möglichst viele Bundesligapartien am TV live oder relive anzuschauen. Wenn er die Sendung aufnimmt, hat er auf einem der Bildschirme immer eine nerdige Statistikseite offen. Es geht bei ihm fachlich zu und nicht boulevardesk, das ist der Anspruch.

Und der kommt an. Längst erzielt der Rasenfunk pro Folge 20 000 bis 25 000 Abrufe. Und er hat einen Weg der Finanzierung gefunden, ohne die Prinzipien der Unabhängigkeit und Werbefreiheit aufzugeben. Gegründet wurde ein Supporter Club. Die Hörer können spenden, per Dauerauftrag, einmalig, wie es ihnen beliebt. Die Beträge liegen zwischen einem und 400 Euro. Die durchschnittliche Spende sind 4 Euro.

Unter den Podcastern gibt es keinen Futterneid. So hat Max-Jacob Ost alle acht Konkurrenten, die mit dem Rasenfunk auf der Shortlist zum Fußballpodcast-Preis standen, zu einer Sondersendung eingeladen, in der man über die erfreuliche Entwicklung des Mediums diskutierte. Die Podcasts treten aus der Aufmerksamkeitsnische heraus. Alex Feuerherdt, der zusammen mit Deutschlandfunk-Moderator Klaas Reese den Schiedsrichterpodcast „Collinas Erben“ ins Leben gerufen hat, wird vom Fernsehsender n-tv regelmäßig zu Regel(auslegungs)fällen interviewt; mit Einführung des Video Assistant Referee ist der Bedarf an fachkundiger Information gestiegen. Einige Podcasts schaffen es mittlerweile auch, prominente Gäste zu bekommen. Im Rasenfunk gab es eine Ausgabe mit Matthias Sammer über seine Arbeit als Experte beim Fernsehen, und der St.Pauli-Fanpodcast „Millernton“ (in schöner Anlehnung ans Stadion am Millerntor) schaffte es, Ewald Lienen, den Ex-Trainer und Technischen Direktor, für eine Runde zu gewinnen. Man sagte ihm, es würde eine Stunde dauern, tatsächlich wurden es über zwei. Am Ende der Aufzeichnung riss einer der Millernton-Leute versehentlich einen Stecker aus dem Rechner; man fürchtete, die Aufnahme sei gelöscht. Zwei Tage später war sie wiederhergestellt. Lienen hatte es aber so gut gefallen, dass er bereit gewesen wäre, alles noch einmal zu erzählen.

Im Fußball liegt natürlich das größte Potenzial für einen reichweitenstarken Podcast – weswegen vor einigen Wochen sogar die Bild-Zeitung in das Geschäft eingestiegen ist. „Phrasenmäher“ heißt das Format, das gleich spektakulär loslegte. Erste Talkpartner waren: Hans-Joachim Watzke, Nils Petersen Rudi Völler, Reinhard Grindel, Philipp Lahm.

Doch der Reiz des Podcasts liegt darin, dass er sich auch den Spezialthemen öffnet, denen mit garantiert kleiner Hörerschaft. Die Plattform „Mein Sportradio“ hat sich gerade umbenannt in „Mein Sportpodcast“ und vereint Beiträge zu 28 Sportarten, darunter Darts, Gewichtheben, Golf, Ringen, Schach. Nichts bleibt unerklärt und undiskutiert.

Ein schönes Wachstum erlebt der Eishockey-Podcast „Shorthanded News“ aus Düsseldorf. Zunächst war das ein Videoformat, wie Bernd Schwickerath erzählt. Der Sportjournalist (Westdeutsche Zeitung, FAZ, Spiegel Online) ließ die Kamera laufen, „wenn wir uns mit sechs Leuten in meiner alten WG zusammengesetzt und über die DEG gesprochen haben“. Mit dem Video, das lässt er inzwischen sein, und im zweiten Jahr geht es um die Düsseldorfer EG nur noch am Rande. Zusammen mit Christoph Ulrich, einem Politik-Journalisten des WDR (und Fan der Düsseldorfer EG), deckt Schwickerath das Geschehen in der ganzen DEL ab. „Vor einem Jahr hatten wir vier- bis fünfhundert Abrufe, das hat sich jetzt verdrei- bis vervierfacht.“ Aufgenommen wird am Montagabend, „und schon am ersten Tag haben wir tausend Hörer“. Auch im Büro der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in Neuss und bei den Vereinen ist „Shorthanded News“ schnell zum Begriff geworden. Hörer gibt es in allen Eishockeyszenen.

Die Macher um Schwickerath verstehen sich als Freundeskreis, der seine Eishockeyreisen macht (bisher: Schweiz, Italien, Schweden, Finnland, Luxemburg, Frankreich – demnächst: Osteuropa) – und andere daran teilhaben lässt. Sogar im Auto wurde schon aufgenommen.

Bernd Schwickerath selbst ist ständig dabei, Podcasts zu hören. Viele nordamerikanische. Er hat gerade ein Buch über die NHL veröffentlicht („Die stärkste Liga der Welt“) und sich viel Wissen erhört. „Drüben gibt es eine richtige Talkradiokultur“, sagt er. Die Sender setzen mehr auf Wortbeiträge als auf Musikberieselung, daher sind Amerikaner und Kanadier offener für Podcasts. „Rund hundert Eishockey-Podcasts“ kann Schwickerath benennen, von den clubbetriebenen über Spezialanbieter zu Geschichte und Statistik, das tägliche „Hockey Central at Noon“ (um 12 Uhr – wann sonst?) bis zu „31 Thoughts“, das so berühmt ist, dass es alle Stars aus der NHL oder eishockeyaffine Celebrities ans Mikrofon bekommt.

Jeder Podcast kann sich seine Regeln selbst geben. Worüber er reden will, wie lange, ob in Hochsprache oder im Dialekt. Die „Shorthanded News“ etwa haben auch ein Format „Underclass Hockey“. Da sitzen dann Fans und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, wenn sie die regionalen Ligen durchbesprechen. Und: Jede Shorthanded-Ausgabe endet mit einem Biertest. Einfach so. Weil einer aus dem Kreis Braumeister ist.

Kann man von Beruf Podcaster werden, so wie manche Leute Youtuber oder Influencer geworden sind? Max-Jacob Ost, der früher schon mal Sportjournalist gewesen ist (11 Freunde, Spox), hat in seinen Rasenfunk-Studios und bei gelegentlichen Außenterminen seine Bestimmung gefunden. Aber um die Tiefe in den Themen bieten zu können, muss er Zeit aufbringen und darum Einkünfte generieren.

Für die Mehrzahl ist das Podcasten ein Hobby, in das sie sogar investieren. Die Zeit darf man natürlich nicht berechnen, und man sollte ein ordentliches Mikrofon haben. Die Kosten, die anfallen, betragen bei den Düsseldorfer Eishockey-Podcastern 150 Euro im Jahr – für die Programme, mit denen aufgenommen wird, und die Gebühr dafür, dass man auf einer Plattform wie Soundcloud erscheint.

Der Fortschritt der Technik macht’s möglich: Jeder könnte podcasten. Die Idee zählt.

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