ZWISCHENTÖNE

Am Schmelzpunkt

von Redaktion

Die Vergabe großer sportlicher Events ist ja ständig mit dem Makel des Verdachts behaftet, irgendwie könnte da im Hintergrund mächtig geschoben und dreist bestochen worden sein. Noch immer wissen wir nicht einmal, wie das wirklich war mit unserem wunderbaren Sommermärchen 2006. Wurde das wirklich gekauft?

Solche Probleme hätten sie nun wohl gerne beim IOC, wenn es im September nächsten Jahres die Olympischen Winterspiele 2026 zu vergeben hat. So groß, dass sich einige nicht unbedingt seriöse Kongress-Mitglieder heimlich ein paar Millionen dazuverdienen könnten, ist das Interesse an der Ausrichtung dieses Ereignisses nämlich nicht mehr, man wäre beim IOC wohl schon froh, man dürfte sich wenigstens zwischen zwei Bewerbern entscheiden. Noch sind drei im Rennen, in Calgary aber, das sich praktisch schon zurückgezogen hatte, werden in zehn Tagen nun doch die Bürger entscheiden, in Stockholm sprach sich der Stadtrat im letzten Monat gegen die Kandidatur aus, und in Mailand, das mit Cortina d’Ampezzo ins Rennen geht, sind die Planungen noch ziemlich überschaubar und politisch nicht unbedingt gewollt.

Blöde Geschichte, das Image der olympischen Winter-Ausgabe ist mächtig lädiert. Meist macht die Finanzierung Probleme, besorgte Bürger denken sofort an Umweltschäden, an Milliarden-Zahlungen, an Knebelverträge, an Abzocke durch das IOC. Also lieber aus der Ferne am Bildschirm die Sportler verfolgen, dann ist relativ egal, ob sich das Ganze in Sotchi, in Pyeongchang oder gar in Peking abspielt. Na ja, nicht ganz, wir vermissen sie halt schon ein bisschen, die prickelnde Stimmung wie einst in Innsbruck, in Grenoble oder 1994 in Lillehammer, an Orten, die man noch wirklich mit Wintersport verbindet, wo die Menschen Wintersport leben.

Mag sein, dass man sich beim IOC inzwischen reichlich grämt, dass man die Chance, die Spiele 2018 nach München und in den bayerischen Alpenraum zu vergeben, verpasst hat. Damals, als München noch wollte, hat man sich, warum auch immer, für Pyeongchang entschieden, die Stadt, über die Österreichs Ski-Ass Marcel Hirscher neulich mutmaßte, die Siegerehrungen hätten vor ein paar zwangsverpflichteten Zuschauern stattgefunden, die so tun mussten, als seien sie begeistert. Das wäre nun in Bayern ganz sicher nicht nötig gewesen, München hätte die grandiose Möglichkeit geboten, den Spielen ihr Herz zurückzugeben. Und andere traditionelle Wintersportorte zur Nachahmung anzuregen.

Aber wohin man auch schaut im Alpenraum, die Schweizer wollen nicht mehr, nicht einmal Österreich, nicht Frankreich. Und die Bayern haben, auf gut deutsch, die Schnauze voll. Zu viel müsste investiert werden, renoviert oder gar neu gebaut, massive Eingriffe in die Umwelt wären zu befürchten, um dem hochnäsigen Diktat des IOC gerecht zu werden – ist es das wert, für zwei Wochen Spektakel?

Nun ist Phantasie gefragt, will man retten, was noch zu retten ist. Man könnte Orte, die schon alles haben, was der Wintersport braucht, öfter nutzen. Warum nicht rotieren zwischen traditionsreichen Standorten in Europa, Nordamerika und Asien? Man könnte die Gigantonomie endlich eindämmen, zur Vernunft zurückkehren, das Herz, nicht den schnöden Mammon zurück in den Mittelpunkt rücken. Der Wintersport ist ohnehin arg bedroht vom Klimawandel.

All die Vorschläge aber helfen jetzt erst mal nichts. Man braucht Bewerber für 2026, keiner scheint sich drum zu reißen. Bestechung jedenfalls ist bei dieser Vergabe sicher ausgeschlossen. Eher schon muss das IOC einen schmieren, damit er es macht.

Von Reinhard Hübner

Das IOC tut sich schwer, einen Ausrichter für Olympia 2026 zu finden. Sind Winterspiele noch zu retten?

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