Cool geblieben

von Redaktion

Defensiv aufmerksame Löwen erkämpfen ein verdientes Auswärts-0:0

VON ULI KELLNER

Münster – Sanft schwebten sie über dem Preußenstadion. Erst ein Heißluftballon, dann zwei, schließlich noch ein dritter. Die Thermik war günstig an einem lauen Herbstsamstag, und es war ja auch einiges los dort unten im weiten Rund. Das Duell zweier stolzer Bundesliga-Gründungsmitglieder, letztmals vor 55 Jahren ausgetragen, hatte für lange Schlangen vor den Kassen gesorgt. Ungewohnt viele Münsteraner wollten sehen, ob ihr Team den Sprung an die Spitze schafft – oder dem Drittliga-Neuling TSV 1860 eine Überraschung gelingt. Auch viele regionale A-Promis gab sich die Ehre (u.a. Sänger Roland Kaiser) – doch am Ende waren vor allem die drei Ballonfahrer fein raus: Sie genossen einen kostenlosen Premiumblick, sahen schnell, dass nicht viel passierte auf dem Rasen – und zogen lautlos wieder von dannen.

0:0 hieß es nach 90 Minuten – wie im Oktober 1963. Damals hatten Radenkovic und Co. Wiedergutmachung für eine 0:5-Klatsche beim HSV betrieben – diesmal war es Felix Weber, der das Fazit aus Sicht der Gäste sprach. „Grundsätzlich können wir mit dem 0:0 zufrieden sein“, sagte der Löwen-Kapitän, den Daniel Bierofka aus dem Abseits geholt hatte, um einen defensiven Fünf-Mann-Wall zu errichten. „Der Plan ist aufgegangen“, urteilte Weber: „Unter dem Strich ist das Ergebnis verdient. Wir können mit positiven Gedanken die Heimreise antreten.“

Nach einer Serie ärgerlicher Resultate hatten die Löwen ihre Taktik darauf ausgerichtet, möglichst mal hinten die Null zu halten. Ein nachvollziehbarer Plan gegen die zweitbeste Offensive der Liga, die allerdings nie zeigte, wie sie es auf 23 Saisontreffer bringen konnte – sogar ohne Torjäger Adriano Grimaldi, der am Samstag im 60er-Trikot viel Laufarbeit leistete, ohne wirklich gefährlich zu werden. „Beide Teams haben sich nichts geschenkt“, sagte der Ex-Münsteraner zur zweikampfbetonten Gangart auf dem Rasen. Er freute sich vor allem, unverletzt geblieben zu sein – und viele Bekannte getroffen zu haben. „Ich wurde gut empfangen und komme gerne wieder“, sagte er mit zufriedenem Grinsen.

Mit den Höhepunkten des Spiels – sie passen auf einen Bierdeckel – hatte Grimaldi nichts zu tun. In der einzigen Drangphase vor der Pause scheiterte Sascha Mölders per Seitfallzieher (29.) und Rechtsverteidiger Herbert Paul an der Querlatte (35.). Ein bisschen Glück hatten die Löwen, dass zu diesem Zeitpunkt noch alle Mann an Bord waren: Heißsporn Romuald Lacazette hätte nach ungestümem Einsteigen gegen Jannik Borgmann vom Platz fliegen können, wenn nicht müssen. Das war aber nicht der Grund, dass 1860-Coach Bierofka von einem „wilden Spiel“ sprach – er bezog sich eher auf die Platzverhältnisse, die teamübergreifend kritisiert wurden.

Weber hatte dennoch „ein 0:0 der besseren Sorte“ erlebt. Diese Sichtweise war vermutlich geprägt von der Erleichterung, ein Defensivausrufezeichen gesetzt zu haben – und vom persönlichen Glück, überhaupt mal wieder dabei gewesen zu haben. „Es war keine leichte Zeit für mich“, sagte Weber über die vergangenen Wochen, in denen er seinen mentalen „Rucksack“ (Bierofka) nicht aufs Spielfeld schleppen durfte: „Seit drei Jahren war es das erste Mal, dass ich auf der Bank saß. Trotzdem habe ich nicht rumgejammert, sondern weiter Gas gegeben. Ich glaube, dass ich es verdient hatte, wieder zu spielen.“

Am Samstag jedenfalls wirkte Weber bestens erholt – wie überhaupt alle Löwen einen konzentrierten Eindruck machten. Die Gefahr, das Spiel erneut spät aus der Hand zu geben, bestand nicht wirklich. Münster kam in der 87. Minute zum ersten gefährlichen Abschluss, schien da aber schon nicht mehr an sich zu glauben. Martin Kobylanski traf unmotiviert das Außennetz – und ließ den Löwen ihre Miniserie (seit drei Spielen unbesiegt), die es ab sofort auszubauen gilt.

Bierofka nahm die Erkenntnis mit, dass die Kluft zu den Spitzenteams überschaubar ist. Weder war Osnabrück beim 2:2 besser, noch jetzt Münster – und die nächsten Härtetests folgen in Kürze. Am Samstag gibt sich der Tabellenvierte Halle die Ehre, ehe es nach der Länderspielpause zum Fünften nach Karlsruhe geht. Danach sollten die Löwen wissen, ob sie genügend Aufwind haben, um in dieser Saison noch höhere Ziele anzupeilen.

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