München – Der Weg von Christian Streich führte schnurstracks zu Manuel Neuer. Vielleicht hatte der Trainer des SC Freiburg auch ein paar aufmunternde Worte für den Torwart parat, aber in erster Linie ging es ihm um das Trikot. Das gab ihm der Kapitän des FC Bayern bereitwillig, fast so freundlich war er dabei, wie zuvor seine Abwehr beim Freiburger Ausgleichstreffer. Streich sah in diesem Moment ein bisschen wie ein Fußball-Fan aus, der sich noch ein Andenken sichern wollte. Man weiß ja nie, wie lange der FC Bayern noch in der Bundesliga spielt. Aber der Freiburger Trainer hat dies nur für seinen „Buben“, wie er sagt, getan, für den Neuer „ein großes Vorbild“ sei.
Es ist nicht überliefert, ob der Sohn von Christian Streich zufrieden war am Samstag mit seinem Idol. Neuer war beim 1:1 gegen den SC Freiburg zwar ohne Fehl und Tadel und am Gegentor von Lucas Höler schuldlos. Aber er ist eben Teil der Mannschaft und die spielt längst nicht mehr in einer eigenen Liga. Abgesehen von den ersten zehn, fünfzehn Minuten bewegten sich die Bayern träge, ideenlos über den Platz und wirkten wieder so ratlos wie im Oktober, als sie vier Spiele in Serie nicht gewonnen hatten. Sogar der sich sonst gerne in Phrasen flüchtende Sportdirektor Hasan Salihamidzic fand dieses Mal deutliche Worte. „Wir schaffen es nicht, alles in höchstem Tempo zu machen. Es fehlt uns die Spritzigkeit, die Freude“, sagte er und gab vor den Partien in der Champions League gegen Athen am Mittwoch und drei Tage später in der Bundesliga bei Borussia Dortmund ein vielsagendes Versprechen ab: „Wir geben natürlich nicht auf.“
Die Führung durch Serge Gnabry (80.) war „eine kleine Erlösung“, wie Thomas Müller zugab. Dieses Gefühl hielt jedoch nur neun Minuten, dann fiel der Ausgleich. „Wir alle haben das Gefühl, wenn der Gegner in unsere Hälfte kommt, wird es öfters gefährlich“, sagte Salihamidzic. Die Gegentore passieren meist nach ähnlichem Muster, auch gegen Freiburg: Eine Flanke in die Mitte und dort waren am Samstag Niklas Süle und Jerome Boateng nicht auf der Hut.
Man kann Trainer Niko Kovac nicht vorwerfen, er würde keine Lösung suchen. Ob er immer die richtige findet, ist eine andere Sache. Dass Joshua Kimmich wie bei Bundestrainer Joachim Löw auf der Sechserposition spielen durfte, zum ersten Mal bei Bayern in einer Pflichtpartie, klang nach einem logischen Plan. Nach Thiagos Verletzung klaffte im ohnehin seit Wochen ideenlosen Spiel der Bayern eine weitere kreative Lücke. Die glaubte Kovac wohl eher mit Kimmich schließen zu können als mit Javier Martinez. Aber das Experiment misslang gründlich, weil der 23-Jährige anders als im Nationalteam in der Rolle enttäuschte, wie unter anderem die Zweikampfbilanz belegt. Nur 13 Prozent aller Duelle gewann Kimmich – für einen zentralen Mittelfeldspieler eine katastrophale Quote.
Eine andere mögliche Lösung fiel Kovac sehr spät ein, wie die zugegeben nicht ganz objektive Frau von Thomas Müller fand. „Mehr als 70 Min bis der mal nen Geistesblitz hat“, postete Lisa Müller auf Instagram, weil der Gatte so lange warten musste, bis er eingewechselt wurde. Thomas Müller fand das „im Nachhinein nicht unbedingt super. Aber sie liebt mich halt, was soll ich machen.“ Laut Bayern hat sich Lisa Müller dafür noch am Samstag bei Kovac entschuldigt.
Dieser Post gibt einen weiteren Einblick ins Innenleben des FC Bayern, das wohl nicht so ungetrübt und intakt ist, wie es alle stets versichern. Ebenso wenig das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer. Dazu passt die Reaktion von Salihamidzic, als ein Journalist wissen wollte, ob Kovac mit seiner Entlassung rechnen müssen, falls das Spiel in Dortmund verloren gehe. „Fragen Sie nicht so eine blödsinnige Frage“, blaffte der Sportchef.
Dass immer wieder Interna nach außen dringen, tut Kovac ab. Das habe es schon zu seiner aktiven Zeit gegeben, und das werde es immer geben, sagte er. Egal, ob die Informationen von einem Profi direkt, über einen Berater lanciert werden oder vielleicht sogar von einer Spielerfrau kommen, die Spekulation darf erlaubt sein, dass Kovac die Kabine vielleicht doch nicht oder nicht mehr im Griff hat. Und diese Annahme widerspricht nicht dem Grundgesetz.