München – Zum zweiten Mal wird Alexander Zverev (21) ab Sonntag in London am Saisonfinale der acht besten Tennisprofis teilnehmen. Im Interview zieht er eine erste Jahresbilanz und sagt, warum er 2018 für besser als 2017 hält, obwohl er in der Rangliste als Fünfter eine Position tiefer notiert ist. Außerdem spricht er über seinen neuen Trainer Ivan Lendl und dessen Meinung über Hunde.
Herr Zverev, wie geht es Ihnen ein paar Tage vor Beginn der ATP Finals in London, für die Sie wie im vergangenen Jahr qualifiziert sind?
Mir geht’s gut, aber ich bin wie alle Topspieler müde.
In der vergangenen Woche beim Mastersturnier in Paris tat Ihnen die Schulter weh. Ist wieder alles in Ordnung?
Ich hatte Probleme beim zweiten Aufschlag, dem Kick-Aufschlag, wenn ich den Arm komplett gerade stellen muss. Da hatte ich Schmerzen, und deshalb habe ich neun Doppelfehler gemacht. Irgendwann kommt das auch im Kopf an, du bist kaputt, machst dir Sorgen, und dann verlierst du halt so ein Match.
Aber das ist jetzt nichts, was Ihren Start in London gefährden könnte?
Nee. Ich hoffe nicht. Ich denke nicht.
Wenn Sie zu Beginn des Jahres nach Ihren Zielen gefragt werden, dann sagen Sie: Darüber rede ich erst, wenn das Jahr vorbei ist. Jetzt ist es fast vorbei – wie sieht es also aus mit den Zielen, was hatten Sie sich vorgenommen?
Verschiedene Dinge. Ich wollte unbedingt zeigen, dass es kein Zufall war, was ich im Jahr vorher geleistet hatte. Ich war Top 5, aber da haben viele gesagt, der Novak (Djokovic) und der Stan (Wawrinka) und der Andy (Murray), die sind alle nicht dabei. Die sind aber dieses Jahr wieder gekommen, und ich habe bewiesen, dass ich auch mit den Besten im Masters-Finale sein und dass ich ein Masters gewinnen kann. Das war sehr wichtig für mich. Das andere war, ich wollte mich unbedingt bei den Grand Slams verbessern, was ich in meinen Augen auch gemacht habe. Ich war über die ganze Sandplatzsaison mit Nadal zusammen einer der besten Spieler, deshalb war es sehr schade, dass ich mich dann in Paris verletzt habe.
Gibt es für Sie einen Lieblingsmoment aus diesem Jahr?
Mehr als nur einen. Anfang des Jahres der Davis Cup in Australien war toll für mich. Davis Cup in Valencia im April war auch unglaublich, aber es war natürlich traurig für uns, wie das zu Ende ging. Wir waren so nah dran an einem historischen Sieg in Spanien gegen Spanien auf Sand, das gibt’s ja nicht alle Tage. Der Turniersieg in Madrid war ein Riesenhighlight. Rom war auch besonders, weil ich davor München und Madrid gewonnen hatte und dann gezeigt habe, dass ich die dritte Woche hintereinander ins Finale kommen kann.
Lassen Sie uns über Ivan Lendl reden, der seit August als Coach zu Ihrem Team gehört. Zuletzt sagten Sie, Sie befänden sich noch in den Flitterwochen mit Lendl. Soll das heißen, dass Ihr lieb und nett zueinander seid und noch keine Wahrheiten ausgesprochen werden?
Wahrheiten werden vom ersten Tag an ausgesprochen, und deshalb gefällt er mir auch so. Wenn ich Scheiße spiele, dann sagt er mir, du hast heute Scheiße gespielt. Wir haben gerade erst anfangen, zusammen zu arbeiten, und ich hoffe, es wird eine lange und eine sehr erfolgreiche Beziehung sein. Wir denken ähnlich: Wir wollen beide gewinnen, und alles andere interessiert uns nicht so sehr.
Lendl ist berüchtigt für einen sehr speziellen, bisweilen sarkastischen Humor. Haben Sie davon schon Kostproben genossen?
Ich kenne seinen Humor schon seit Jahren. Manchmal ist er lustig, manchmal weniger. Aber ich habe ja auch meinen Vater, die beiden sind relativ ähnlich.
Nimmt er als Besitzer von Schäferhunden Ihren Familienhund Lövik ernst, oder kommen Pudel in Lendls Weltbild nicht vor?
Er mag Tiere, deshalb mag er auch alle Hunde. Aber ich glaube, er denkt, die Kleinen und Harmlosen sind keine richtigen Hunde (lacht).
Apropos klare Ansagen. Was hat er nach Ihrer Niederlage bei den US Open gegen Philipp Kohlschreiber gesagt, der Ihr Spiel taktisch schlau auseinandergenommen hatte?
Er hat mir gesagt, dass es ein Prozess ist, bis ich bei den Grand Slams gut spiele. Mit viel Arbeit. Wenn man zurückblickt, am Anfang habe ich auch Probleme bei den Masters-Turnieren gehabt. Vor Miami 2017 hab ich nie Viertelfinale beim Masters gespielt, dann kamen Halbfinale und Finale, und dann habe ich eines gewonnen. Masters 1000 spielen wir halt sehr viel öfter, es gibt neun Stück im Jahr davon, da hast du natürlich viel mehr Möglichkeiten, Erfahrung zu sammeln. Und so ist es auch bei den Grand Slams. Du musst halt mehr davon spielen, um dich wohler zu fühlen.
Mal ganz grundsätzlich: Stehen sie nicht manchmal zu weit hinter der Grundlinie? Sie könnten sicher ein, zwei Meter weiter vorn noch mehr Druck machen.
Ja, aber ich bin groß, fast zwei Meter. Ich habe lange Arme, ich brauche Platz, um Druck zu machen. Das ist zum Beispiel bei del Potro genauso, der steht auch weit hinter der Grundlinie.
Karen Katschanow ist auch groß, der stand beim Sieg in Paris vergangenen Sonntag gegen Novak Djokovic deutlich dichter an der Grundlinie.
Aber das war in Paris, er hat da das beste Turnier seines Lebens gespielt. Normalerweise ist das nicht so.
Wenn man Sie bei Terminen rund ums Tennis beobachtet, kann man immer wieder feststellen, dass Sie bei den Leuten und vor allem bei Kindern sehr gut ankommen. Bei Pressekonferenzen hat man dagegen manchmal den Eindruck, es gäbe noch Luft nach oben. In Rom sagten Sie im Mai zu einem Journalisten: Sie können es glauben oder nicht, aber ich bin ein netter Kerl. Fühlen Sie sich manchmal missverstanden?
Wenn ich mit Kindern was mache, sind die einfach froh, dich zu sehen. Es macht mir Riesenspaß, da was zurückzugeben. Mit manchen Journalisten macht es auch Spaß, einen Dialog zu führen. Ich kann mich an die Situation in Rom erinnern, jede Antwort, die ich dem Mann gegeben habe, hat ihm nicht gefallen.
An unangenehmen Fragen kommt man halt nicht vorbei, das gehört zum Job …
Ja, das schon, das sage ich ja auch nicht. Aber für mich ist es immer schade, wenn irgendwelche Reaktionen kommen, weil man aus der Antwort, die ich gebe, keine große Geschichte machen kann. Wir haben gefühlte 120 Pressekonferenzen im Jahr, und du kannst nicht 120 Mal fröhlich sein.
Haben Sie über das Thema mal mit Roger Federer gesprochen, mit dem Sie sich ja gut verstehen? Der erledigt diesen Teil des Jobs stets vorbildlich.
Ja, hab ich. Aber er gibt auch manchmal Antworten, die sehr direkt sind. Ich versuche wirklich, komplett ehrlich zu sein, doch das kommt auch nicht immer an. In Cincinnati hab ich nach dem Spiel gegen Stefanos Tsitsipas Kritik bekommen, dass ich schlecht geantwortet hätte. Ich habe es mehr so gesehen, dass ich meine ehrliche Meinung zu dem Match gesagt habe. Ich fand das Match sehr, sehr schlecht, ich fand, ich habe schlecht gespielt, und das andere möchte ich jetzt nicht noch mal sagen.
Die Kritik danach fanden Sie ungerecht?
Ich fand es schade. Ihr wollt ja auch nicht, dass euch alle Spieler immer dieselben Antworten geben. Dass alle immer sagen: Ja, er hat sehr gut gespielt. Ich hoffe, dass die Leute irgendwann verstehen, dass ich wirklich sage, was ich denke. Dass die Leser zu lesen bekommen, was ich denke und fühle.
Sind Sie grundsätzlich schon die Person, die Sie gern wären?
Mir ist es wichtig, dass ich die Menschen, die mir nahe stehen, gut behandle. Und dass ich zu Fans und auch zu Kindern immer nett bin, dass ich sie gut behandle. Ich versuche jedes Mal, Autogramme zu schreiben, Fotos zu machen. Der persönliche Kontakt zu Menschen ist mir sehr, sehr wichtig.
Sie sind seit ein paar Wochen Onkel, Ihr Bruder und seine Frau haben im September Nachwuchs bekommen. Hat sich der Ton in der Familie Zverev durch den kleinen Mischa verändert, dreht sich jetzt alles um ihn?
Ganz klar: Er ist jetzt die Hauptperson in unserer Familie.
Haben Sie einen guten Draht zu ihm?
Der liebt es, bei mir zu sein. Das ist wirklich lustig. Wenn wir alle zusammen sind und er fängt an zu schreien oder zu weinen, dann nimmt ihn Mischa auf den Arm, und wenn er nicht aufhört, dann bekomme ich ihn. Und ich versuche nicht, ihn zu beruhigen, ich sage immer: Wenn er schreien möchte, soll er schreien. Und nach zehn Sekunden hört er auf.
Das Leben auf der Tour ist extrem durchorganisiert, es gibt neben großartigen Momenten auch viele Zwänge und Verpflichtungen. Welches sind die Momente, in denen Sie dem normalen Leben am nächsten sind, zuhause oder unterwegs?
Es gibt sie auch unterwegs. Wenn ich mit Marcelo Melo (brasilianischer Doppelspezialist, Zverevs bester Freund auf der Tour) zusammen bin, dann sind wir wie kleine Kinder. Und wenn ich mit meinem Bruder etwas unternehme, dann ist das auch so. Unser Leben wird nie komplett normal sein, aber ich habe ganz normale Freunde, eine ganz normale Familie.
Marcelo Melo ist 14 Jahre älter als Sie. Das spielt in der Freundschaft keine Rolle, oder?
Gar keine. Der ist wie ein kleines Kind. Ich bin der Ältere in der Beziehung (lacht).
Sie werden das Jahr als Nummer fünf oder – wenn es es in London gut läuft – als Nummer vier beenden. Glauben Sie, dass die Leute einschätzen können, wie schwer es ist, so eine Position zu verteidigen, oder dass sie eher sagen, das sei ja gar nicht besser als im Jahr davor?
Ich hoffe, dass die Leute sehen, wie schwer es ist, eine Position zu verteidigen. Man hat es schon oft gesehen, dass Spieler unter den Top Ten waren, dann aber auf einmal nicht mehr. Dieses Jahr war es ja sowieso nicht leicht: Novak spielt wieder auf seinem besten Niveau, Roger und Rafa sind nach wie vor stark. Ich habe drei Finals beim Masters gespielt, ich habe wieder eins gewonnen, es war wirklich viel positiv. Obwohl ich jetzt Nummer fünf bin, finde ich, dass ich ein besseres Jahr gehabt habe als 2017.
In der kommenden Woche geht es um die letzte Aufgabe des Tennisjahres. 2017 ging die Sache nicht so zu Ende, wie Sie sich das gewünscht hatten, nach zwei Niederlagen in der Vorrunde war Schluss, auch weil Sie erschöpft waren. Ist es jetzt besser?
Ich denke, frisch fühlt sich jetzt keiner mehr. Letztes Jahr war ich vorher krank, in Wien schon und auch in Paris. Dafür hatte ich fünf Tage frei nach Paris, weil ich in der ersten Runde verloren hatte, die ich diesmal nicht habe, weil ich in Paris im Viertelfinale war. Ich möchte einfach noch mal gutes Tennis zeigen, und wenn ich gut spiele, dann ist alles möglich.
Bevor sich dieses Tennisjahr dem Ende nähert, ein kleiner Blick aufs nächste. Wie Sie mehrfach erwähnt haben, wollen Sie im November 2019 nicht bei der Endrunde des reformierten Davis Cups spielen, weil Sie den Termin unmöglich finden. Wie sieht es mit der Qualifikation im Februar in Frankfurt gegen Ungarn aus?
Ich denke, im Februar werde ich spielen. Das ist noch nicht 100-prozentig, weil ich schauen muss, wie Anfang des Jahres alles läuft, aber vor allem in Deutschland möchte ich Davis Cup auch spielen. Ich bin nur gegen das neue System mit der Endrunde, aber nicht gegen das alte, und im Februar ist es ja noch so wie immer.
Die französische Sportzeitung L’Equipe hatte kürzlich berichtet, es gäbe einen Brief diverser Topspieler an den Tennis-Weltverband ITF, in dem diese Spieler erklären, den Wettbewerb boykottieren zu wollen. Haben Sie unterschrieben?
Ich habe nie von irgendwem einen Brief in die Hand bekommen, den ich unterschreiben soll.
Aber es gibt ihn?
Ich weiß es nicht, keine Ahnung.
Das Gespräch führte Doris Henkel