München – Als die Löwen 1966 ihren Meistercoup feierten, war er am Radio live dabei: Michael Schädlich, 64, Präsident des Halleschen FC, der morgen im Sechzgerstadion zum Drittligaduell antritt. Wie der gebürtige Thüringer jenseits der Mauer ein glühender 1860-Fan geworden ist, was er mit dem HFC vorhat, der übrigens erst 1966 gegründet wurde – all das verrät er in unserem Interview.
Herr Schädlich, was werden Sie am Samstag um den Hals tragen, den blauen Löwen-Schal oder den roten HFC-Schal?
(lacht) Meine Priorität liegt natürlich eindeutig beim HFC, daher bitte ich um Verständnis, dass ich das auch mit meiner Montur zum Ausdruck bringen werde.
Es hat sich aber bis nach Bayern herumgesprochen, dass Sie ein gar nicht mal so kleines Sechzger-Herz haben. Wie kommt das?
Das liegt in meiner Biografie begründet. Ich bin in der Nähe von Plauen groß geworden, in den 60er-Jahren. Dort im oberen Vogtland, dem Grenzgebiet zu Oberfranken, war man entweder Clubberer – oder Sechziger. Mein Vater, muss ich dazu sagen, war damals schon Bayern-Fan, das verstehe ich aber bis heute nicht. Man hat sich mit seinem Verein identifiziert, auf der Wiese, auf der Straße. Ich hab sogar noch ein altes Sofakissen – ein Weihnachtsgeschenk der Verwandtschaft, das ich wie eine Reliquie gehütet habe. Es stammt aus dem Jahr 1966, als der TSV Deutscher Meister wurde.
Das war fünf Jahre nach dem Mauerbau. Wie konnten Sie den Sport im Westen so intensiv verfolgen?
Sagt Ihnen der Ochsenkopf was? Das ist ein Berg mit Sendemasten (1024 m, gelegen im Fichtelgebirge/Red.), der dafür gesorgt hat, dass wir nur ein Stück Draht zum Fenster raus halten mussten – schon haben wir alles reinbekommen: ARD, ZDF und natürlich den Bayerischen Rundfunk. Der wurde in 90 Prozent der Haushalte regelmäßig eingeschaltet. Ich hab nicht nur Meister Eder im Radio gehört, sondern auch am Samstag Fußball. Wir haben sogar Sportseiten gekriegt, die ich gesammelt habe. Ich hab das immer verfolgt – auch später die Bayernliga und diesen Trainer, der wie Rumpelstilzchen an der Seitenlinie getobt hat. So etwas bleibt. Es war auch immer ein Traum, mal sportlich mit Sechzig zu tun zu haben, aber ich hätte nie erwartet, dass sich dieser Kreis wirklich schließen würde.
Auch noch dort, wo die Helden Ihrer Kindheit damals Meister wurden . . .
Rebele, Heiß, Brunnenmeier, Radi. . . Wenn ich mir ganz viel Mühe geben würde, könnte ich fast alle aufzählen. Ich weiß auch noch, dass wir tagelang auf die Spiele im Europacup hingefiebert haben, West Ham und so weiter. Wissen Sie, und das sage ich auch immer zu meiner Frau: Die Emotionalität, die man mit dem Fußball erlebt, ist ein Stück weit irrational. Ich bin auch so ein Typ, der sagt: Man muss in guten wie in schlechten Zeiten zueinander stehen – und das gilt natürlich auch für Sechzig.
Lassen Sie uns über den Halleschen FC reden.
1860 ist wie der HFC nicht der Verein derer, die mit sehr viel Geld ausgestattet sind. Wir haben kein Eventpublikum, aber sehr viele ehrliche, engagierte und treue Anhänger, die mit ihrem Club durch dick und dünn gehen.
1860 ist auch bekannt für interne Querelen und gewisses Chaos. Lässt es sich in Halle ruhig arbeiten?
Die Erwartungshaltung ist auch hier nicht gering, trotzdem arbeiten wir kontinuierlich. Wir machen aus wenig viel, haben ein funktionales, preiswertes Stadion gebaut und jetzt eine sehr junge Mannschaft mit einem ambitionierten Trainer. Ich bin sehr optimistisch, dass wir in dieser Liga eine sehr gute Rolle spielen werden. Für weitere Prognosen bräuchte ich eine Glaskugel.
Halle spielt im siebten Jahr 3. Liga, ist aktuell Vierter. Träumt man da nicht?
Wir haben im Sommer 17 neue Spieler integriert, unsere Mannschaft ist die zweitjüngste der Liga und damit Schwankungen ausgesetzt. Die Vorgabe war attraktiver, leidenschaftlicher Fußball, das setzen die Jungs sehr gut um. Platz vier ist eine schöne Momentaufnahme. In erster Linie geht es darum, die Klasse zu halten. Aber wenn die Möglichkeit bestehen sollte zu springen, dann sind wir in der Hocke und bereit.
Wo wird man Sie am Samstag gegebenenfalls jubeln sehen?
Ich brauche keinen VIP-Raum. Ich habe einen guten Freund in München, mit dem werde ich irgendwo auf der Haupttribüne sitzen. Eigentlich kann ich gar nicht verlieren am Samstag. Mit einem Unentschieden könnte ich leben, aber wir spielen auf Sieg.
Interview: Uli Kellner und Ludwig Krammer