Unbeschriebenes Blatt

von Redaktion

Die Löwen wissen nicht viel über Halle und stellen sich auf Schwerstarbeit ein

VON ULI KELLNER

München – Auch Daniel Bierofka musste schmunzeln, als er die Geschichte von Michael Schädlich, 64, gehört hat. Vom Halle-Präsidenten, der keine Scheu hatte, seine tief empfundene Zuneigung für den TSV 1860 öffentlich zu machen. Der noch immer von den alten 60er-Helden schwärmt und schilderte, wie er zu DDR-Zeiten Drähte aus dem Fenster gehalten hat, um die großen Löwen-Spiele im Radio zu hören. Kurz stellte sich die Presserunde vor, wie es andersrum wäre: Wenn sich Robert Reisinger vor dem Duell an diesem Samstag als Fan des Halleschen FC geoutet hätte. Dann jedoch sagte der 1860-Coach mit Blick auf den Halle-Boss: „Ist doch schön, dass er so ehrlich ist.“ Gefolgt von einem Geständnis seinerseits: „Ich find’ auch noch andere Vereine in Deutschland toll – nicht bloß Sechzig.“

Im Rahmen seines spontanen Plädoyers für Toleranz ließ sich Bierofka entlocken, dass er vor 30 Jahren mit der Gladbacher Borussia gefiebert hat: Europapokal-Nächte am Bökelberg, der offensive Fohlen-Stil der Generation Uwe Rahn: „Das fand ich damals sehr sympathisch.“ Mit dem Halleschen FC, so ehrlich war Bierofka, verbinde ihn dagegen nicht allzu viel. „Ich hab nie gegen Halle gespielt. Ich kenn’ persönlich nur den Mathias Fetsch.“ Jenen rothaarigen Sturmhünen aus dem Sechziger-Stall, der jetzt als Zehner das Offensivspiel der Sachen-Anhaltiner beflügelt. „Ansonsten nee“, bedauerte Bierofka: „Bisher hatte ich keine Berührungspunkte mit Halle.“

Aber: Er hat sich selbstverständlich informiert. Herausgefunden hat Bierofka, dass diese Hallenser ein relativ harter Brocken sind – schon wegen des beachtlichen Laufs (drei Siege aus fünf Spielen), der den HFC in Lauerstellung zu den Aufstiegsplätzen gebracht hat. „Sie sind ganz gut drauf“, weiß der 1860-Coach: „Sie sind defensiv sehr stabil, spielen mit Dreierkette und zwei Sechsern davor. 14 Gegentore haben sie erst bekommen. Da müssen wir erst mal durchkommen.“

Naheliegend wäre, es mit der Elf zu probieren, die beim Tabellenzweiten in Münster ein respektables 0:0 erkämpft hat. Ein paar Dinge sprechen jedoch dagegen. Zum einen fehlt Rechtsverteidiger Herbert Paul, der bislang alle Spiele über 90 Minuten bestritt (Zerrung). Eric Weeger oder Nono Koussou wären die logischen Nachrücker. Zum anderen steht noch nicht fest, ob Bierofka erneut auf den ungestümen Romuald Lacazette setzt, dem er unter der Woche die Leviten gelesen hat. „Momentan sind erst acht Positionen fix“, sagte der Coach. Und dann ist es ja auch zu seinem Markenzeichen geworden, die Gegner Woche für Woche mit einem wie ein Staatsgeheimnis gehüteten Matchplan zu überraschen.

Die Blicke des Löwen-Trainers richten sich jedenfalls weiterhin eher nach oben als nach unten. „23 Punkte hat der Dritte, 21 der Achte“, zählte er auf. Seine Löwen haben 18 – und könnten am Samstag auf einen einstelligen Tabellenplatz vorstoßen. „Die Liga ist extrem“, weiß Bierofka: „Wenn du zweimal gewinnst, bist du unten raus. Wenn du zweimal verlierst, bist du wieder drin. Es wird noch relativ lange so gehen, bis sich mal die Spreu vom Weizen trennt.“ Ein Dreier gegen Halle käme ihm nicht ungelegen – zumal zumindest einer in Reihen des Gegners nicht völlig frustriert die Heimreise antreten müsste

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