„Unruhe ist der größte Feind“

von Redaktion

Matthäus über die Situation der Bayern, Kritik an Kovac und Hoeneß’ Rücktrittsgedanken

München – Kracher-Duell, Liga-Gipfel, deutscher Clasico – vor dem Aufeinandertreffen zwischen Bayern und Dortmund überschlagen sich die Superlative. Bei Sky-Experte Lothar Matthäus ist die Vorfreude entsprechend groß, wie der Rekord-Nationalspieler im Interview verrät. Außerdem spricht Matthäus über Kritik an Kovac, den Unterschied zwischen Salihamidzic und Sammer und die Rücktrittsgedanken von Uli Hoeneß.

Herr Matthäus, Uli Hoeneß hat angekündigt, er möchte sein Amt nur noch zwei, drei Jahre ausführen.

Also ich weiß ja, wann Wahlen sind, und ich weiß, was „zwei, drei Jahre“ bedeutet. Das heißt: Uli stellt sich nächstes Jahr noch einmal zur Verfügung, denn 2019 sind bekanntlich die nächsten Präsidentenwahlen. Und so eine Periode beträgt ja immer drei Jahre – und schon sind wir bei vier Jahren.

Hat Sie diese Aussage trotzdem überrascht?

Einerseits überrascht es mich nicht, andererseits weiß ich noch nicht, ob ich den Worten Glauben schenken kann. Denn Uli Hoeneß hängt an diesem Verein. Selbst wenn er sein Präsidentenamt übergibt, wird er weiterhin als Ehrenpräsident, als einflussreiche Person seine Finger mit im Spiel haben. Aber natürlich ist es Zeit für Uli, aber auch für Kalle (Rummenigge, d. Red.), sich auf ihren Positionen zu hinterfragen. Und langsam, aber sicher Leute aufzubauen, die den erfolgreichen Klub weiterhin in genau die Richtung führen, wie es in den letzten 40 Jahren der Fall war.

Was muss ein Hoeneß-Nachfolger mitbringen?

Erst mal: Wir reden von einem Präsidenten Uli Hoeneß. Und das braucht keiner sein, der 30 oder 40 Jahre alt ist. Ein Präsident soll Erfahrung mitbringen, mit dem FCB verbunden sein und sich auch schon selbst ein bisschen ausgetobt haben – auch nach seiner Karriere. Er braucht ja Zeit für den Verein. Normalerweise hält sich ein Präsident auch aus dem Tagesgeschäft heraus. Ein Präsident soll repräsentieren und sich nicht tagtäglich einmischen. Bei Uli Hoeneß ist das eine Ausnahme: Er hat alle Stationen mitgemacht, und er ist der Vater des Erfolgs. Uli hat ja gesagt: Er möchte jemanden mit Bayern-Vergangenheit haben. Da kommt sicherlich kein Hasan Salihamidzic, Philipp Lahm oder sonst wer infrage. Das kann ich mir nicht vorstellen. Es wird kein Jungspund.

Also rückt Karl-Heinz Rummenigge zum Präsidenten auf, und die FC Bayern München AG braucht einen neuen Vorstandsvorsitzenden?

Ja, das wäre eine Möglichkeit. Rummenigge kennt den Verein und weiß, wie man ihn geschickt führt.

Die Chance für Hasan Salihamidzic, befördert zu werden?

Na ja, es gibt viele Positionen im Verein, und da können auch ein, zwei neue dazukommen – das sieht man ja jetzt bei Dortmund. Und trotzdem behalten andere ihren Job. Ich glaube, in München muss man sich breiter und intensiv aufstellen. Was mir in Dortmund gefällt – Erfolg hin oder her – sie gehen einen neuen Weg. Michael Zorc und Aki Watzke waren gefühlt ihr ganzes Leben dabei, wie auch Uli und Kalle beim FCB. Neuer Input tut gut, jüngere Leute sehen das Business und den Fußball anders.

Da wären wir schon bei FCB und BVB: Was ist bei den Bayern los, wenn sie in Dortmund gewinnen?

Dann wird es wieder ein bisschen ruhiger in München und die grauen Wolken wieder etwas weiß. Der FC Bayern steht mehr unter Druck als der BVB. Wenn die Münchner gewinnen, ist es nicht nur ein Zeichen an Dortmund und die Liga, sondern vor allem ein Zeichen an ihre Mannschaft selbst – dass sie zusammenrückt.

Momentan macht es stark den Anschein, dass nicht alle Spieler mit Niko Kovac zufrieden sind.

Das merkt man: Es kommt viel nach außen, die Mannschaft bringt die Leistung nicht, Kovac hat sicherlich nicht alle Spieler hinter sich gebracht in diesen vier Monaten. Aber wenn Bayern in Dortmund gewinnen sollte, was ich im Moment glaube, dann bin ich überzeugt, dass es wieder ruhiger wird.

Zweites Szenario: Bayern verliert in Dortmund deutlich …

… sie müssen doch nicht einmal deutlich verlieren! Wenn Bayern verliert, dann sind es sieben Punkte Rückstand. Dann wird es noch rauer werden, und dann wird natürlich auch der Trainer hinterfragt, ganz klar. Auch intern wird man sich Gedanken machen, wie es mit Kovac weitergeht. Und nochmal: Auch da zählt das Wie nicht. Wenn Bayern verliert, muss der Verein reagieren.

Müsste nicht mal der Sportdirektor auf den Tisch hauen, damit zumindest keine Interna mehr nach außen dringen?

Brazzo ist kein Matthias Sammer. Er ist keiner, der auf den Tisch haut, sondern gerne mal etwas weglächelt. Brazzo geht lieber zu den Spielern und macht den Kumpel-Typ. Dann war es von Karl-Heinz Rummenigge auf der viel zitierten Pressekonferenz auch nicht glücklich, dass er Brazzo das Wort entzogen hat. So etwas bekommen die Spieler doch auch mit und denken sich ihren Teil.

Muss Kovac sich damit abfinden, dass Dinge beim FCB immer wieder nach außen dringen?

Nicht immer wieder! Das hat ja in den vergangenen Jahren funktioniert. Ich sage ja: In den letzten Jahren waren die Spieler zufrieden – nicht, wenn sie nicht berücksichtigt wurden –, aber es war vielleicht mit Jupp Heynckes so ein bisschen der Trainer-Vater da. Bei Niko gibt es ja noch eine andere unglückliche Konstellation.

Welche?

Der Co-Trainer als Bruder! Meine Spieler sind in der Vergangenheit gerne zu meinem Co-Trainer gegangen und haben sich dort über meine Trainingseinheiten geäußert. Ist der Co-Trainer, der der Bruder ist, dafür der richtige Ansprechpartner? Ich glaube, da fühlt man sich zu nah beim Trainer. Vielleicht fehlt den Spielern so ein väterlicher Freund wie Hermann Gerland.

Dann gab es noch die viel zitierte Pressekonferenz.

Es gibt so viele Dinge momentan, die beim FC Bayern nicht auf, sondern auch außerhalb des Platzes passieren. Das alles hat Unruhe geschaffen. Und: Unruhe ist der größte Feind. Wenn die Dinge um den Fußball herum wichtiger geworden sind als der Fußball selbst, dann hat man eigentlich verloren.

Muss man vielleicht jetzt schon sagen: Die Fußstapfen von Kovacs Vorgängern waren zu groß?

Über die Erfolge der Vorgänger, ob das van Gaal war, Heynckes, Guardiola, Ancelotti, da wusste man im Verein ja Bescheid. Niko Kovac hatte einen Pokalsieg und hat in Frankfurt hervorragende Arbeit gemacht. Aber natürlich fehlt ihm dann auch die Erfahrung im Umgang mit solchen Stars, die Geschichte für Bayern München geschrieben haben.

So wie Robben oder Ribery. Kovac sagte kürzlich: Uns fehlt die Durchschlagskraft über die Außen. Ein Schlag ins Gesicht für Robbery?

Das ist eigentlich eine Kritik an sich selbst. Er muss als Trainer die Lösungen finden. Und wenn über außen gedribbelt wird und man gegen drei Mann klar nicht durchkommt, muss es andere Lösungsvorschläge geben. Aber bei Bayern habe ich das Gefühl, dass sie in den letzten Spielen nie Lösungen gefunden haben.

Müssen die Dortmunder Angst haben, dass die Bayern bald wieder bei ihnen wildern und Spieler wie Pulisic oder Sancho nach München holen?

Das ist nur eine Frage der Zeit.

Zum Abschluss: Sie haben kurz über die Presskonferenz der Bosse gesprochen. Ist Fußball-Deutschland weniger kritikfähig als früher?

Die Verantwortlichen schützen ihre Mannschaft. Aber wir Experten versuchen immer nur das zu beurteilen, was wir sehen. In den vergangenen Wochen hat Bayern viel Kritik einstecken müssen, klar. Das liegt aber nicht an uns, sondern an ihnen selbst. Sie haben einfach viel Angriffsfläche geboten. Ich persönlich würde Bayern lieber loben, wie ich es in den letzten Jahren häufig gemacht habe.

Interview: Manuel Bonke

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