Zu Gast beim Vorbild

von Redaktion

Der FC Bayern würde es so nicht zugeben, aber in mehr als einer Hinsicht kann er von seinem heutigen Gegner lernen. Ob beim Einbau von Talenten, der Verteilung sportlicher Kompetenzen oder der generellen Bereitschaft zum Umbruch – Borussia Dortmund setzt momentan Maßstäbe.

VON MARC BEYER

München – Was Hans-Joachim Watzke über die aktuellen Verhältnisse denkt, verbreitet er nur noch sehr sparsam. Interviewanfragen für ihren Geschäftsführer lehnt die Medienabteilung von Borussia Dortmund in letzter Zeit ganz überwiegend ab. Watzke, über viele Jahre das westfälische Pendant zu Uli Hoeneß als Lautsprecher des zweiten deutschen Spitzenclubs, hat die Deutungshoheit teilweise abgetreten. Seit im Sommer Matthias Sammer und Sebastian Kehl installiert wurden, rücken immer häufiger sie in die erste Reihe der schwarz-gelben Öffentlichkeitsarbeit.

Wie es um die Meinungsführerschaft von Hasan Salihamidzic bestellt ist, lässt sich nicht so eindeutig sagen. Der Sportdirektor tritt zwar regelmäßig öffentlich auf, aber an kernige Aussagen, die über den Moment hinaus wirken, kann man sich dennoch nicht erinnern. Selbst bei der denkwürdigen Pressekonferenz vor drei Wochen war Salihamidzic kaum präsent, obwohl er neben Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge saß. In der „Sport Bild“ vertrat Ottmar Hitzfeld diese Woche die Meinung, sein alter Schützling hätte sich den Auftritt lieber ersparen sollen.

Die Verteilung sportlicher Kompetenzen im Management gehört in gewisser Weise immer dazu, wenn bei einem Fußballmannschaft von Umbruch die Rede ist. Die Bosse des FC Bayern würden es öffentlich nie zugeben, aber momentan ist der BVB, der einzig ernsthafte Rivale der jüngeren Vergangenheit, in mehr als einer Hinsicht auch Vorbild. Es gibt in München ja viele Baustellen, wie in den letzten Wochen unschwer zu erkennen war: Die Kaderplanung, die interne Kommunikation, die Wirkung nach außen, den Einbau von Talenten in die erste Mannschaft – und ganz generell: die Bereitschaft, überhaupt etwas zu verändern.

Was das betrifft, haben die Borussen sich schon jetzt einen Meistertitel verdient. Es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als Konzepte zu überarbeiten und feste Ordnungen zu überdenken. Die letzte Saison mit dem kurzen Engagement von Trainer Peter Bosz, dem Aushilfsjob Peter Stögers und vielen sportlichen Rückschlägen verlief quälend zäh. Unter anderem kassierten die Dortmunder Ende März im München ein 0:6 (Halbzeitstand 0:5) und durchlitten über Monate eine Debatte um die zweifelhafte Mentalität im Kader. Wenn es erst mal so weit gekommen ist, fallen die folgenden Veränderungen eher groß als klein aus.

Im Sommer wurden den vielen vielversprechenden Talenten weitere zur Seite gestellt (Diallo, Hakimi) und Hierarchien neu geordnet. Bereiche, die auch beim FC Bayern als Problemzone bekannt sind. Der Umgang mit Schlüsselspielern und ihre Stärkung im internen Gefüge sind immer dann ein Thema, wenn es um die Arbeit von Niko Kovac geht. Und das Scouting von jungen Spielern ist in München eh eine Sache für sich.

„Wir haben eine Mannschaft, die im Umbruch ist“, hat Uli Hoeneß dieser Tage gesagt, als es um die Bewertung von Kovac‘ Arbeit und die aktuellen Schwierigkeiten ging, aber so richtig stimmt das gar nicht. Der wesentliche Teil des Umbruchs steht ihnen erst noch bevor. Im Sommer dürften Arjen Robben und Franck Ribery endgültig Abschied nehmen, und auch die Spieler der Generation Müller/Hummels/Neuer haben die 30 teilweise schon erreicht. In Dortmund gehen Umbrüche anders. Nur sechs Spieler (Bürki, Schmelzer, Piszczek, Weigl, Reus, Kagawa) aus dem aktuellen 29-Mann-Kader gehören dem BVB schon seit drei Jahren oder länger an.

Dass die schwarz-gelbe Erneuerung derart krass ausgefallen ist, hat gleichwohl auch Gründe, die man in München so gar nicht kennt (oder fürchten muss). Der FC Bayern ist nicht nur nach eigenem Verständnis ein Käuferclub, der BVB eine Adresse, bei der sich Elitevereine und Neureiche nach Verstärkung umschauen. Regelmäßig kommen ihm Leistungsträger abhanden (zuletzt Dembélé und Aubameyang), für die Nachfolger gefunden werden müssen.

Auf diese Weise hat sich der Club schon vor Jahren als Sprungbrett profiliert und bietet Top-Talenten verlässliche Einsatzzeiten auf höchstem Niveau. Umworbene Jungdynamiker wie Sancho oder Bruun Larsen fühlen sich mit 18, 19 Jahren im Ruhrgebiet nachvollziehbar wohler als bei den Bayern, wo Robben und Ribery auch mit Mitte 30 auf Auswechslungen noch reagieren, als würde ihnen ihr persönliches Eigentum weggenommen. Und wenn Real Madrid einen 19-jährigen Außenverteidiger wie Achraf Hakimi verleiht, damit er in der Fremde königliche Reife erwirbt, bieten sie ihn sicher nicht den Bayern an. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit drohen die ja Real im März, April, vielleicht auch Mai in der Champions League über den Weg zu laufen. Der BVB könnte bis dahin schon eher auf der Strecke geblieben sein.

In diesem Punkt sind es dann doch die Münchner, die zum Vorbild taugen.

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