Dortmund – Als sollten den Gästen ein letztes Mal die Konsequenzen dieses Abends vor Augen geführt werden, lief über dem Ausgang der Dortmunder Interviewzone der Fernseher. Das Bild zeigte eine Videotextseite: die aktuelle Bundesligatabelle. Nicht dass dieser Wink nötig gewesen wäre. Worum es ging, war allen Beteiligten beim FC Bayern lange vor der Reise ins Ruhrgebiet klar gewesen. Unter dem Eindruck des 2:3 nach einer furiosen Partie und einem Sieben-Punkte-Rückstand aber bahnten sich Zorn und Enttäuschung lautstark ihren Weg. Während aus der BVB-Kabine fröhliches Getöse zu hören war, drangen durch die Münchner Tür wütende Schreie.
So klingt es, wenn auf der einen Seite das Ende jahrelanger Enttäuschungen begrüßt wird und ein paar Meter weiter der Schmerz gerade erst einsetzt. Nach „sechs Jahren Dauerparty“ aus Münchner Sicht gab Karl-Heinz Rummenigge zu Protokoll: „Dortmund hat die Nase vorn.“ Die Erkenntnis ist nicht neu, doch seit Samstag hat sie amtlichen Charakter.
Es mag keine Wachablösung sein, denn „die wäre ja dauerhaft“, wie Mats Hummels korrekt anmerkte. Für die aktuelle Saison aber gehört eine Menge Phantasie dazu, sich den Rekordmeister am Ende vor den Dortmunder vorzustellen. Wenn man sich anschaue, „wie der BVB gerade spielt“, fände es Hummels „vermessen“, seine ehemaligen Kollegen nicht als Maß aller Dinge zu sehen.
Es hat sich eine Menge aufgestaut in den vergangenen zwei Monaten, in denen das geschmeidige Bayern-Spiel zu stocken begann. Joshua Kimmich erwähnte am Samstag die „Gier, da oben wieder hin zu wollen“, die die Mannschaft entwickeln müsse. Wer das nicht schaffe, „der ist fehl am Platz.“ Das sind neue Töne in einem Club, der über Jahre national von Titel zu Titel preschte, ohne auch nur ein Quäntchen von jener Gier einzubüßen. Nun klingen sie das erste Mal so, als müssten sie dem Gefühl der Sättigung entgegenwirken. „Wenn es heute jemand nicht begriffen hat, dann begreift er es auch nicht mehr“, mahnte Kimmich, mit 23 Jahren einer der Jüngsten im nicht sehr jungen Kader. Passenderweise stand er direkt unter der Videotexttafel.
Später am Abend liefen im Fernsehen Bilder, die die Bayern auf der Rückreise zeigten. Die Szenen muteten an, als werde gleich der Schriftzug „Breaking News“ eingeblendet, gefolgt von einem Hinweis, wonach die Mannschaft nun heimischen Boden betreten habe, oder auf das Schicksal des Trainers. Aber so viel Drama gab es nicht. Selbst sieben Punkte Rückstand, ein aufwühlender Spielverlauf und ein rumorender Kader dürften die Entscheider nicht zu drastischen Schritten bewegen. Angesprochen auf Niko Kovac und sein Verhältnis zum, Team sagte Rummenigge: „Wir diskutieren intern nicht darüber.“
Die Kamera, die während des Spiels auf die Bayern-Bosse gerichtet war, fing spektakuläre Bilder ein. Nicht nur die Bierdusche nach einem BVB-Treffer, sondern auch den hemmungslosen Jubel von Uli Hoeneß, als das 1:0 fiel. Offiziell mögen die Bayern als Außenseiter angereist sein, aber insgeheim hatten sie sich einiges ausgerechnet. Nicht weniger als einen totalen Stimmungsumschwung.
Und tatsächlich hätte es eines dieser Spiele sein können, wie sie die Bayern seit Jahrzehnten im Repertoire haben. Aber letztlich dauerte die Phase, in der die Gäste den Gegner mit ihrem beherzten Auftreten beeindruckten, nur 45 Minuten. Rummenigge meinte diese erste Halbzeit, als er in reinstem Businessdeutsch vorgab, die Leistung in Dortmund müsse nun „die Benchmark“ sein für die nächsten Monate.
Es war der Versuch, im Schlechten das Gute zu sehen. Man kann es aber auch umgekehrt interpretieren. Die Bayern ließen sich – ganz gegen ihre Natur – eine Partie entreißen, die nicht nur in der ersten Halbzeit unter Kontrolle schien, sondern ein zweites Mal nach der erneuten Führung durch Robert Lewandowski. Der Spielwitz bei diesen Toren stand in schroffem Gegensatz zur Naivität, mit der sie dann immer wieder Konter der Westfalen zuließen, die für nichts so berüchtigt sind wie für ihre überfallartigen Angriffe.
Dennoch nimmt sich Kovac vor, „auf diesem Spiel aufzubauen“, das er „spielerisch, kämpferisch, taktisch das beste seit Schalke“ Mitte September nennt. Seine Hoffnung: „Die Saison ist noch lang und man kann einiges gutmachen.“ Joshua Kimmich klang nicht so optimistisch: „Wir müssen aufpassen, dass wir den Anschluss nicht komplett verlieren.“