Nicht dabei, aber mittendrin

von Redaktion

Selbst im Angesicht der Niederlage verzichtet Bayern-Trainer Kovac auf James

VON MARC BEYER

Dortmund – Es hat schon Spiele in Dortmund gegeben, nach denen Bayern-Profis so schnell die Stätte der Niederlage verlassen wollten, dass sie bereits im Bus saßen, während ihre Dusche noch tropfte. Wenigstens das konnte man James Rodriguez am Samstag nicht nachsagen. Der Dusch- (beziehungsweise Bus-) Faktor mag beim FC Bayern ein offizieller Maßstab für den Grad der Verärgerung sein, und neben Arjen Robben ist auch der Kolumbianer einer, der gerne die Grenzen des Machbaren auslotet. Aber am Samstag trug er noch seine Spielkleidung, als die Ersten bereits zum Ausgang strebten. Entweder James hatte es nicht eilig. Oder er brauchte gar nicht zu duschen.

Sein Einsatz an diesem Abend beschränkte sich auf ein bisschen Aufwärmen. Und das, obwohl die Bayern nach Ausgleich und Rückstand kreative Auffrischung dringend nötig gehabt hätten. Niko Kovac verzichtete auf seinen Mittelfeldmann mit einer Konsequenz, die stutzig machte. Weder Renato Sanches, der nach 74 Minuten kam, noch Sandro Wagner (82.) verfügen über die spielerischen Kompetenzen, die James bei zwei Weltmeisterschaften und in etlichen Partien für Real Madrid und die Bayern nachgewiesen hat.

Dass er es am Samstag nicht durfte, erklärte Hasan Salihamidzic mit den Wadenproblemen, die James zuletzt behindert hatten. Weitere Erkundigungen wies der Sportdirektor schroff ab: „Haben Sie keine Fragen zum Spiel?“ Für die Bank reichte es aber trotzdem, weswegen zumindest unterstellt werden darf, dass das Verhältnis zwischen dem divenhaften Kicker und dem Trainer sowie zum ganzen FC Bayern einigermaßen schwer belastet ist. Kovac’ umfassende Rotationen hatten auch vor ihm nicht Halt gemacht und offensichtlich das Gefühl geweckt, dass er nicht mehr in dem Maße gewollt und gebraucht werde, wie er es sich wünschen würde. Von Spiel zu Spiel hat man jedenfalls James Rodriguez zuletzt dabei zusehen können, wie seine Laune sank.

Das ist für die Bayern nicht nur deshalb problematisch, weil sich hartnäckig Gerüchte halten, James strebe trotz eindeutiger Vertragslage (Kaufoption) eine Rückkehr zu Real Madrid an. Auch kurzfristig sind die atmosphärischen Verstimmungen fatal. In Abwesenheit des knöchelverletzten Thiago könnten die Bayern einen spielfreudigen und auch sonst gut gelaunten Kreativdirektor bestens gebrauchen.

Vollends kompliziert wird die Gemengelage dadurch, dass James aus seiner Verstimmung kein Hehl macht. Und sich zuletzt auf eine Weise gerierte, die man durchaus als Provokation empfinden kann. Mal soll er den Handschlag verweigert haben, dann kam er laut Augenzeugen einige Minuten zu spät zum Abschlusstraining. Isoliert betrachtet mögen das Petitessen sein. Doch in einem hochkomplexen sozialen Gefüge wie einer Fußballmannschaft ist nichts zu banal, als dass daraus nicht ein hübscher Streit werden könnte, der leicht zum Flächenbrand wird.

Was die Kollegen von James’ Eskapaden halten, kann man nur vermuten. Auf den Kolumbianer demonstrativ zu verzichten, sogar in einer solch wichtigen Partie, ist deshalb auch eine Botschaft, die in mehrere Richtungen geht. An den Spieler. Und an seine Kollegen.

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