Die Saat geht auf

von Redaktion

Bei Snowboard Germany schwächeln die Race-Stars, dafür sorgen junge Freestyler für Furore

VON ULI KELLNER

München – Es fühlt sich an wie ein Klassentreffen, wenn Deutschlands Snowboard-Elite einmal im Jahr die Presse einlädt. Lebhaftes Stimmengewirr im angemieteten Weststudio, draußen kreist eine Frisbeescheibe, drinnen fläzen Teenies auf abgewetzten Sofas. Wie oft bei solchen Anlässen wird zur Einstimmung ein Film gezeigt – dieses Jahr hat er Überlänge, so viele schöne Bilder müssen berücksichtigt werden. Michael Hölz, 67, Verbands-Chef mit freundlicher Herbergsvater-Aura, spricht vom erfolgreichsten Jahr aller Zeiten. Im Jugendlichen-Sprech, den er sich angeeignet hat, sagt er: „Und ich denke, uns steht wieder so ein wahnsinnsgeiler Winter bevor.“

Das kann durchaus sein, so erfreulich wie sich die Dinge entwickeln im jüngsten Wintersportverband. Vor 16 Jahren wurde „Snowboard Germany“ ins Leben gerufen (damals: Snowboardverband Deutschland), seither geht es steil bergauf. Begründet hat den guten Ruf die stabile Riege weiblicher Raceboarder, die zuverlässig bei Großereignissen abräumt. Diese Tradition wurde auch bei Olympia in Pyeongchang fortgesetzt, als Selina Jörg (30, Sonthofen) die Silber- und Ramona Hofmeister (22, Bischofswiesen) die Bronzemedaille gewann. Auch die meisten Podestplatzierungen im zurückliegenden Winter (15 insgesamt, darunter sechs Siege) gehen auf das Konto der Alpinsparte, der allerdings interne Konkurrenz um die mediale Aufmerksamkeit erwächst.

Bekanntlich hat das IOC die jungen, hippen Freestyler als Zugpferd entdeckt, was sich in der Gewichtung der olympischen Disziplinen widerspiegelt (Slalom raus, Big Air rein). Passend dazu scheint auch beim SVD die Saat aufzugehen. Dass der junge Leon Vockensperger, 19, neben die Olympiaheldin Jörg gebeten wird, als es um die Ehrung der Besten 2018 geht, ist kein Zufall. Andi Scheid, vom Cheftrainer zum Sportdirektor aufgestiegen, sagt: „Wir haben schon das Gefühl, dass wir die ersten Früchte ernten. Es entwickelt sich was.“

Schließlich ließ nicht nur Vockensperger mit einem Achtungserfolg beim Weltcup-Auftakt aufhorchen (Platz 9 im Big Air). Auch Annika Morgan (16, Garmisch-Partenkirchen) überraschte in Neuseeland, indem sie Slopestyle-Silber bei der Junioren-WM abräumte. Quereinsteigerin Nadja Flemming (22, Röhrmoos) schließlich, bis vor sechs Jahren eher im Fußball zu Hause, hatte ebenfalls ihr Erweckungserlebnis. Beim Weltcup in Modena wurde sie Zehnte – und verpasste nur um zwei Plätze die direkte Qualifikation für die WM 2019 in Park City.

„Es ist eine Strategie da, ein Plan“, sagt Andi Scheid, einer der Chefstrategen: „Nur an der Infrastruktur – da müssen wir weiter arbeiten.“ Was im Rahmen ihrer Möglichkeiten steht, haben sie in die Wege geleitet beim SVD: Das Internat am Götschen erfährt regen Zulauf, der Bundesstützpunkt floriert, was auch das jugendliche Alter der gestern anwesenden Sportler erklärt. Was noch fehlt, ist der sog. „Landing Bag“, über den alle großen Freestyle-Nationen verfügen – ein Luftkissen für Sprünge, das vor Verletzungen schützt und gleichzeitig Sicherheit für den Wettkampf verleiht. Scheid sagt: „Es ist ein Unterschied, ob du einen Trick 10-mal übst und dann im Weltcup zeigst. Ob du ihn 100-mal im Training gestanden bist. Oder ob du ihn 1000-mal einstudiert hast wie ein Eiskunstläufer.“

Scheids Plan sieht vor, dass das Superkissen 2020 errichtet wird. Dagegen spricht, dass es in der vom SVD gewünschten Größe 2,5 Millionen Euro kosten würde. Wer das aufbringen soll, ist ungeklärt. Überhaupt fehlen für die Freestyler die finanziellen Mittel, denn bei der berühmten Potenzialanalyse (PotAS), die das Innenministerium veranlasst hat, wurde die Freestyle-Sparte ins dritte und somit nicht förderungswürdige Cluster einsortiert. Dagegen hat der SVD zwar protestiert, doch ob künftig die erhofften Gelder fließen, ist offen. Scheid sagt: „Schau dir die Weltcup-Ergebnisse an: Die Athleten, die vorne dabei sind, profitieren alle von so einem Landing Bag.“

Ganz andere Sorgen plagen dagegen die Raceboarder. Der PotAS-Idealstatus „Exzellenz“ ist eine schöne Bestätigung für die zurückliegenden Erfolge, allerdings nutzt das wenig, wenn die besten Pferde im Stall Handicaps mit sich rumschleppen. Amelie Kober muss sich auch ein Jahr nach ihrem Sprunggelenks-Crash in Geduld üben: Eine weitere OP ist wahrscheinlicher als die WM-Teilnahme im Februar. Tapfer sagt sie: „Aufgeben kommt aber nicht in Frage. Ich möchte einfach noch mal ein ganz normales Jahr haben.“ Wann auch immer das möglich ist. Ähnlich lädiert kommt aktuell Ramona Hofmeister daher. Ein Bandscheibenvorfall, erlitten im Spätsommer, legt die Aufsteigerin des vorigen Winters lahm. Auch der Ärger, dass sich trotz ihres Olympia-Erfolgs kein einziger Sponsor fand, macht der Bronzemedaillengewinnerin zu schaffen. Trotzdem sagt die junge Polizeimeisterin: „Wenn’s mit der WM klappt, ist es schön. Wenn nicht, dann geht die Welt auch nicht unter.“

Dass sich Hölzls Erwartung eines weiteren „wahnsinnsgeilen Winters“ trotzdem erfüllen könnten, liegt an Leuten wie dem jungen Vockensperger. Bescheiden, wie der Rosenheimer auftritt, sagt er: „Erst mal ist mein Ziel, unverletzt zu bleiben und im Weltcup anzukommen.“ Mittelfristig jedoch setzt sich der SVD-Rookie keine Limits. „Nächstes Jahr greife ich voll an“, verspricht er: „Da gibt’s dann kein Halten mehr.“

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