„Ich bin mit mir im Reinen“

von Redaktion

Wie Manuel Neuer damit umgeht, dass alle fragen, ob er noch der alte ist

VON GÜNTER KLEIN

Leipzig – Am Samstag, in Dortmund, das war wieder so ein Spiel, in dessen Nachbetrachtung es auch um Manuel Neuer ging. An der 2:3-Niederlage des FC Bayern war er beteiligt, weil er einen Elfmeter verursachte, den der BVB dann verwandelte. Hatte Neuer Marco Reus wirklich so behindert, dass Schiedsrichter Gräfe einen Strafstoß verhängen musste? Neuer versuchte ja umgehend, gestisch klarzumachen, dass er den Gegenspieler gar nicht richtig berührt hatte. Doch manche Stimmen meinten auch, früher wäre Manuel Neuer anders in eine solche Situation gegangen: entschlossener, schneller, vorausschauender. Er hätte sie vor einer Eskalation entschärft.

Es wird über Manuel Neuer kritisch gesprochen, es wird eine Liste erstellt: Momente des Strafraum-Irrlichterns in den Heimspielen gegen Augsburg und Mönchengladbach und im Nations-League-Spiel in den Niederlanden. Dann diese statistische Grausamkeit: Drei Bundesliga-Spiele, in denen er immer nur einen Ball aufs Tor bekam, und der war drin. Fangquote: null Prozent. Nun drei Gegentreffer in Dortmund, und mit einem hatte er zu tun, so oder so. In der großen Pressekonferenz des FC Bayern kam auch Neuer vor, als gelte es, ihn besonders zu verteidigen. Karl-Heinz Rummenigge nannte die Art der Kritik an Neuer („Ich darf erinnern: viermal Welttorhüter“) respektlos – auf justiziable Weise gar (zumindest im Rechts-Weltbild der Münchner).

Gestern hat Manuel Neuer eine Delegation aus vier Nationalmannschafts-Spielern angeführt, die eine Dreiviertelstunde in der Leipziger Sportoberschule Fragen beantwortet hat. Überwiegend die von Kindern der fünften bis achten Klasse, da kommt in der Regel nichts, was unangenehm ist oder wehtut. Da geht’s um Hobbys („Tennis, Skifahren, die Welt kennenlernen“), ungeliebte Schulfächer („Vokabeln in Französisch und Italienisch lernen“) und ob er noch mal die Position wechseln wolle („Wenn ich in der Freizeit spiele, gehe ich nicht ins Tor“) – doch schon als ein Junge wissen will, ob Pep Guardiola oder Jogi Löw der bessere Trainer sei, wird Neuer medienmisstrauisch: „Ich sehe, dass du zwischen zwei Journalisten sitzt – haben die dir gesagt, dass du das fragen sollst?“ Er lachte dazu – aber man spürte auch den ernsten Hintergrund. Manuel Neuer fühlt sich gegenüber „den Medien“ gerade nicht so wohl. „Ich dachte, es gibt auch bei den Journalisten einen Umbruch.“

Die professionellen Fragen dämpfen seine Stimmung, die dem Anlass eines Schulbesuchs angemessene lockere Grundeinstellung schwindet. Es geht um Kritik und Kritik der Bayern-Bosse an den Kritikern. Neuer wird gebeten, die Grundrechte-Pressekonferenz einzuordnen, er versucht zu entkommen: „Das ist nicht mehr aktuell.“ Aber zu seiner derzeitigen Performance möchte er schon was sagen: „Ich bin in guter Form. Ich denke, ich habe gegen Dortmund ein gutes Spiel gemacht und bin mit mir im Reinen.“

Er will auch nicht die Meinung teilen, dass nach Rückkehr von seinen Verletzungen (drei Mittelfußbrüche) sein Spiel sich verändert habe. „Ich passe es der Mannschaft an – je nachdem, wo unsere Verteidigungslinie steht.“

Trotz aller Zweifel, ob der Manuel Neuer 2018 noch in der Kategorie des Neuer 2014 und 16 ist: Er wurde nominiert, er hält die Nummer-eins-Stellung – derweil andere frühere Platzhirsche wie Sami Khedira oder Jerome Boateng nicht mehr dabei sind. Wobei eine Nichtberücksichtigung keine grundsätzliche Ausbootung und für immer sei, wie DFB-Direktor Oliver Bierhoff erläuterte. „Abschließende Festlegungen sind nicht notwendig, solange Spieler nicht zurückgetreten sind. Sie können jederzeit wiedergeholt werden. Als Nationalmannschaft müssen wir niemanden verpflichten, niemanden wegschicken und können von Länderspiel zu Länderspiel entscheiden.“ Für die gegen Russland (Donnerstag) und die Niederlande (Montag) gilt: Neuer ist da.

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