Das Projekt Nahbarkeit

von Redaktion

Zum Ausklang des Länderspieljahres geht die Nationalmannschaft in den PR-Endspurt

VON GÜNTER KLEIN

Leipzig – Mathias Janke versammelte in der Turnhalle der Leipziger Helmholtzschule – hohe Decken, Fischgrätparkett, man spürt das Alter und die Würde der Sportstätte – gleich vier Mannschaften um sich, ausnahmsweise. Er ist zuständig für die E-Junioren I des SV Lindenbau von 1848, aber am Dienstagabend wollten auch 2., 3., 4. mitmachen. Wegen der Gäste.

Trainer Mathias Janke ließ alle sich im Kreis setzen und sagte in nicht zu leugnendem Sächsisch: „Wenn wir hier neue Kinder haben, dann stellen die sich erst mal vor, sagen, wie alt sie sind und woher sie kommen.“

Also mussten die Neuen sich erklären: Ich bin . . . Serge Gnabry, Leon Goretzka, Sebastian Rudy, Kevin Trapp, Nico Schulz, Thomas Müller. Ich spiele . . . für den FC Bayern, Schalke 04, Eintracht Frankfurt, die TSG Hoffenheim.

Hoher Besuch. Es scheint, als habe die Nationalmannschaft etwas gutzumachen. Die Mannschaft hat ein Jahr lang nur enttäuscht. Sie wirkte abgehoben. Verschwunden in eine ferne Galaxie. Nun ist Erdung angesagt. Man beginnt dort, wo es am leichtesten fällt. Bei den Kindern und Jugendlichen. Am Dienstagvormittag ging DFB-Manager Oliver Bierhoff mit Manuel Neuer, Timo Werner, Leroy Sane und Julian Brandt in die Leipziger Oberschule Nr. 94, die Spieler stellten sich den Fragen der Fünft- bis Achtklässler. Abends waren „drei bis fünf Nationalspieler“ angekündigt für den Besuch beim SV Lindenau, es kamen dann sechs. Insgesamt waren also zehn Nationalspieler an einem Tag für PR-Aktivitäten unterwegs – eine solche Quote schafft der DFB sonst nicht mal bei WM-Turnieren – wenn sie gut laufen und die Spieler auch Lust haben, Interviews zu geben.

Mit Kindern können die Nationalspieler alle gut. Die Mädchen und Jungen sind ein dankbares Publikum; für sie zählt das Erlebnis: Triff den Promi. Frag ihn was. Mach ein Foto mit ihm. Das bleibt fürs Leben. Kick mit ihm ist natürlich das Größte: Lindenau-Trainer Mathias Janke hatte sich einen Staffelwettbewerb ausgedacht, in den er die Nationalspieler einbezog: ein Dribbling um Stangen und Hütchen, Torschuss, danach die Strecke zurück, den letzten Teil im Rückwärtslauf.

„Wollt ihr Großen gegeneinander antreten?“, fragte er. „Nein gemischt“, bestand Thomas Müller darauf, dass die Nationalspieler in die Formation der E-Jugendlichen eingebunden werden. So haben auf einen Schlag fünfzig Kinder mal mit einem Weltmeister oder Confederations-Cup-Sieger in einer Mannschaft gespielt.

Es ist effektive Eigenwerbung, die der DFB betreibt. Der Aufwand ist nicht allzu groß: Eine Dreiviertelstunde dauerte der Termin in der Oberschule, zügiger ging es am Abend in der Lindenau-Turnhalle. Da war nach gut zwanzig Minuten alles gelaufen. Doch es entstanden Bilder, Bilder, Bilder, es war genügend Fernsehen da. Die Fußballstars alle als nette Kerle und große Brüder. Lachend, scherzend, Autogramme schreibend.

Oliver Bierhoff neigt dazu, solche Aktionen dann zu überhöhen. Für eine Mitteilung des DFB ließ er sich wie folgt zitieren: „Die Begegnungen und die Nähe zu den Menschen wollen wir weiterführen und drehen diesmal den Spieß um: Wir warten nicht, bis sie zu uns kommen und uns beim Training zuschauen, wir kommen zu ihnen. In Leipzig möchten wir bewusst einen Schritt auf unsere zahlreichen Fans zugehen und werden einige in ihrer Schule und den Vereinen, in denen sie Fußball spielen, besuchen. So ist der Kontakt noch direkter und greifbarer. Unsere Spieler möchten mit den Kindern und Jugendlichen locker plaudern, sie ein wenig kennenlernen.“

Nun ja, es ist halt schon so, dass die Nationalmannschaft von allen Seiten Druck bekommen hat – spätestens nachdem sie sich im WM-Trainingslager in Südtirol abgekapselt hatte und es schon als praktizierte Fannähe galt, wenn ein paar Spieler mit dem Rad vom Hotel zum Platz fuhren. In einen Ehrenkodex, den das Team sich nun gegeben hat, schrieb es neben den Gute-Vorsatz-Klassikern „Kein Handy beim Essen“ und „Keine Cliquenbildung“ den Punkt „Respekt vor den Fans“ hinein

Zum Ausklang des Seuchenjahres geht es um Imgakorrekturen und auch darum, die Stadien wieder zu füllen. Nach der WM ging das in München und Sinsheim nur mit Sonderaktionen für die Fußballfamilie, diesmal bietet man Studenten unkompliziert Kontingente mit Billigtickets (10 Euro) an.

Bierhoff erklärt sich den schleppenden Vorverkauf so: „Es kommt viel Fußball im Fernsehen, und Leipzig bietet ja auch internationale Spiele an.“ Doch der mächtige DFB-Direktor hat erkannt, dass es das allein nicht ist. „Es liegt schon auch an uns. Die Leistungen waren enttäuschend.“

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