Der „Bart der Hoffnung“ bittet zu einer Tasse Tee

von Redaktion

Stanislaw Tschertschessow ist in Russland populär, doch es gibt Ärger wegen einer Einbürgerung

Leipzig – „Land steht auf Kopf“ – das war einer der herrlichen Sätze von Stanislav Tschertschessow während der WM in Russland. Alle anderen Trainer, zu denen das deutsche Publikum einen Bezug gehabt hatte (Joachim Löw mit der DEB-Vertretung, Gernot Rohr mit Nigeria) waren nach der Vorrunde weg; blieb also der Coach der Sbornaja, die bis ins Viertelfinale ihres Heim-Turniers vorstieß. Tschertschessow war in den 90ern zwei Jahre Bundesligatorwart bei Dynamo Dresden, später dann unter dem Trainer Löw in Österreich (Innsbruck). Seine TV-Interviews, vor allem die mit Kevin Kuranyi, der für die ARD arbeitete, wurden Kult.

Stanislaw Tschertschessow hat beschlossen, dass seine russische Nationalmannschaft nach dem Spiel heute (20.45 Uhr) gegen die Deutschen einfach noch in Leipzig bleibt, um sich auf das Nations-League-Spiel kommenden Dienstag in Schweden vorzubereiten. „Das Wetter in Moskau ist schlechter, es hat minus zehn, minus zwölf Grad. Wir sparen einen Flug und kommen fit und mental frisch in Schweden an.“

Und er mag das Land ganz einfach, es ist ihm wie Österreich zur Nebenheimat geworden. „Vor einigen Monaten war ich in Dresden“, erzählt er, „und habe das Haus angesehen, in dem ich damals gewohnt habe, und die Geburtsklinik meines Sohnes“. Die Zuneigung zu Österreich lebte Tschertschessow aus, indem er das WM-Trainingslager im Stubaital abhielt. Es folgte ein tolles Turnier. Land stand auf Kopf.

Das tut es immer noch, die Begeisterung hat sich gehalten. „Man erkennt uns öfter, macht Fotos mit uns“, berichtet Tschertschessow aus dem Alltag. Selbst sein Schnurrbart wurde populär, ein bekannter TV-Moderator nannte ihn den „Bart der Hoffnung“. Bartträger Tschertschessow meint: „Ich hätte ihn noch länger wachsen lassen sollen, dann wären wir Weltmeister geworden.“

Klar, dass die Sbornaja, die man in Leipzig sehen wird, nicht identisch ist mit der, die bei der Weltmeisterschaft alles in Grund und Boden lief und einen Kraftakt nach dem anderen ablieferte. „Vier Spieler sind zurückgetreten“, so der Trainer, der zudem hinnehmen muss, dass November einfach Verletztenzeit ist. „Aber jetzt kommen die Spieler dran, die sonst nicht gespielt hätten.“ Wie Konstantin Rausch, der jahrelang für Hannover 96 und den VfB Stuttgart verteidigt und geflankt hat und aus der VfB-Zeit mit dem deutschen Nationalspieler Antonio Rüdiger noch dicke ist.

Neu im russischen Team ist Ari. Schon 32 und Brasilianer. „Er spielt seit neun Jahren in Russland und hat sich einbürgern lassen“, sagt Tschertschessow. „Es war Aris Entscheidung“, der Verband habe das nicht forciert. „Wir überprüfen dann seine spielerische Qualität und seine soziale Kompetenz.“ Für Tschertschessow steht fest, dass Ari in die Sbornaja passt. „Für mich ist er Russe.“

Jedoch nicht für alle, Das große Land hat bisweilen fremdenfeindliche Züge, Ari schlägt daher Ablehnung entgegen. Auch aus Fußballkreisen: Mit Roman Pawljutschenko hat sich ein früherer Starspieler klar gegen ihn positioniert: Er werde sich Spiele mit Ari nicht ansehen.

Stanislaw Tschertschessow glaubt aber, diesen Zwist wegzumoderieren: „Was viele nicht wissen: Roman und ich wohnen im selben Haus. Ich werde ihn nach diesen Länderspielen besuchen und bei einer Tasse Tee meine Beweggründe erläutern.“ GÜNTER KLEIN

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