Wahrscheinlich sitzt er jetzt schon an irgendeinem Fischweiher und hält die Angelrute rein. Irgendwo jedenfalls, wo er die Muße hat, seine erstaunliche Karriere Revue passieren zu lassen. „Paroli laufen lassen“ sollte ab sofort auf dem Index stehen, denn dieser Versprecher hat den armen Horst Hrubesch lange genug verfolgt. Genauso wie das Fachbuch, das er einst geschrieben hat: „Dorsch angeln vom Boot und an den Küsten.“ Es wurde gerne in einer Zeit zitiert, als Hrubesch als einfach gestricktes Gemüt galt, als unbeholfenes Ex-Kopfballungeheuer, das nichts so recht auf die Kette kriegt. Damals um die Jahrtausendwende, als das Image des deutschen Fußballs insgesamt im Keller angesiedelt war.
Gefühlt war das ein anderer Horst Hrubesch, der sich hat überreden lassen, als Co-Trainer von Erich Ribbeck die schlechteste Nationalmannschaft aller Zeiten zu betreuen. Zum Glück jedoch hat es das Schicksal danach nur noch gut gemeint mit diesem wie aus der Zeit gefallenen Typen. Der Platz im Rampenlicht war und ist nichts für ihn – das gibt er selber zu. Dass er aber schwer was drauf hat, fachlich und vor allem menschlich, das zeigte er seit 2008, als er abseits der großen Fußballbühnen zu einer bewunderten Trainer-Allweckwaffe aufstieg. U 19-EM, U 21-EM – Hrubesch eilte von Titel zu Titel. Er formte die Generation Neuer, die 2014 Weltmeister wurde. Seine eigene Laufbahn krönte er 2016 mit Olympia-Silber – und gab zuletzt sogar noch den Frauenfußballversteher.
Sogar da funktionierte der 67-Jährige, Rentenalter hin oder her. Was ihn ausmacht, das hat Nationalstürmerin Svenja Huth kürzlich verraten: „Du kaufst ihm alles ab.“ Es ist seine unverstellte Art, sein ehrlicher Umgang mit den Spielern. „Ich adoptiere sie“, hat Hrubesch mal gesagt. Es ist auch seine Sprache, die ohne jede Girlande auskommt („Wenn wir alle schlagen, können wir den Titel holen“). Wahrscheinlich sind es aber vor allem seine Werte, die er überzeugend vermitteln kann: Einer für alle, alle für einen. Man stelle sich eine Sportschule vor, in der eine Horde tätowierter Jungprofis auf Smartphones rumwischt – dann kommt Hrubesch rein, legt Karel Gott auf („Ist einfach meine Musik“) – und es ist Stimmung in der Bude. Teambuildung nach Art vom Horst.
Julian Brandt rief seinem scheidenden Mentor nach dem gemeinsamen Olympia-Coup hinterher: „Das ist ein geiler Mensch, ein sehr spezieller Mensch. Ein Mensch, den man selten treffen wird in der Zukunft.“ Leider ist das wohl so. Ein ganz Großer verlässt den DFB. Aber die Menschen, denen er auf seiner geplanten Weltreise begegnen wird, die werden bestimmt ganz viel Spaß haben mit diesem knorrigen, liebenswerten Original.
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