London – Fast hätten sie dasselbe Datum erwischt. Am 16. November 2017 verschickte Manager Aljoscha Thron die Nachricht, Angelique Kerber habe sich von ihrem langjährigen Coach Torben Beltz getrennt und werde mit dem Belgier Wim Fissette arbeiten. Der erste Teil der Mitteilung hatte sich angedeutet zum Ende einer Tennis-Saison, in der vieles schief gelaufen war. Der zweite Teil ließ aufhorchen; Fissette brachte Erfahrung und Erfolge als Übungsleiter mit, und die vorherrschende Meinung war: Eine interessante, vielversprechende Wahl.
Auf den Tag genau elf Monate danach kam die Nachricht, Kerber habe Fissette wegen unterschiedlicher Auffassungen in der Ausrichtung für die kommende Saison freigestellt. Die Meldung überraschte gewaltig nach einer höchst erfolgreichen gemeinsamen Zeit, in der sie in Wimbledon gewonnen hatte und unter die Top 3 des Frauentennis zurückgekehrt war. Seit dem 13. November, also fast zum Jahrestag der Verpflichtung von Fissette, steht nun offiziell fest, dass Rainer Schüttler (Korbach/42) der neu Coach im Team sein wird.
Kerber (30) musste nicht in die Ferne schweifen, um Schüttler zu finden, der seine erfolgreiche Karriere als Tennisprofi (Finale Australian Open 2003, im Jahr danach Nummer fünf der Weltrangliste) vor sechs Jahren beendet hatte. Dessen ehemaliger Coach und Manager ist Dirk Hordorff, aktuell Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB). Manager Thron, im Hauptberuf promovierter Mediziner, gehörte zu Hordorffs Management-Team, als Kerber dort vor Jahren eine Zeitlang betreut wurde. Thron schloss später seine Ausbildung als Mediziner ab, übernahm den Job als Kerbers Manager vor gut zwei Jahren und gehört zu Schüttlers Freundeskreis. Und Hordorff steht gewissermaßen im Zentrum dieses Kreises.
Im Gegensatz zu Fissette hat Schüttler keine allzu großen Erfahrungen als Coach. Eine zeitlang betreute er den Serben Janko Tipsarevic, den Bruder seiner Frau, zuletzt arbeitete er mit dem Kanadier Vasek Pospisil, aktuell Nummer 70 der Welt. Im Frauentennis ist er ein Neuling, und das ist ein Teil der neuen Personalie, deren Wirkung schwer einzuschätzen ist. Bundestrainerin Barbara Rittner, die Kerber lange und gut kennt, hieß Schüttler am Mittwoch auf der Frauentour gewissermaßen willkommen. Erfahrung, Kompetenz und Charakter, das passe gut als Gesamtpaket, findet sie. Schüttler teilte mit, er freue sich auf die Zusammenarbeit und sei überzeugt davon, Kerber könne mit ihrem Talent noch viel erreichen.
Auf ihren Kommentar zum neuen Mann und zu den gemeinsamen Plänen wird die Tenniswelt noch ein paar Tage warten müssen, bis sie aus dem Urlaub auf den Malediven wieder aufgetaucht ist. Unter einem Foto, das sie barfuß und mit Hut vor türkisblauem Meer zeigt und das am Mittwoch in den sozialen Netzwerken veröffentlicht wurde stand der Text: Nicht sicher, ob ich zurückkomme – gibt eine gute Chance, dass ich meinen Flug verpassen werde.
Natürlich war das nicht ernst gemeint, aber man kann schon davon ausgehen, dass sie den wortlosen Dialog mit den Fischen gern noch ein Weilchen fortgesetzt hätte. Nächsten Mittwoch wird sie sich bei einem Pressetermin im Haus eines ihrer Sponsoren in Köln zum ersten Mal zum neuen Mann in der Mannschaft und zu den Vorstellungen für die neue Saison äußern.
Die beiden sprechen, nicht nur im Sinne des Wortes, die gleiche Sprache, sie sagen im Zweifelsfall lieber weniger als mehr. Aber sie ähneln sich auch in ihrer Dünnhäutigkeit; die Sache könnte also ziemlich spannend werden. Ende des Monats, wenn auch Schüttler aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, wird die gemeinsame Arbeit beginnen, und sie haben damit vergleichbar viel Zeit bei der Vorbereitung auf die neue Saison wie Fissette im vergangenen Jahr.
Die erste Probe aufs Exempel wird schon am vorletzten Tag dieses Jahres zu besichtigen sein, wenn sie zum ersten Spiel beim Hopman Cup in Perth aufschlägt. Danach geht die Reise weiter nach Sydney und nach Melbourne. Dort, bei den Australian Open, erlebte Rainer Schüttler vor 15 Jahren die größten Momente seiner Karriere, und an gleicher Stelle gewann Angelique Kerber 2016 ihren ersten Grand-Slam-Titel; da sollte es an positiven Schwingungen nicht fehlen.