Löw ist wieder Jogi Cool

von Redaktion

Abstieg aus der Nations League würde den Bundestrainer nicht verunsichern

VON GÜNTER KLEIN

Leipzig – Joachim Löw bekommt wieder Oberwasser. Es ist nichts passiert nach dieser furchtbaren WM, er hat seinen Job als Bundestrainer immer noch. Er getraut sich nun auch wieder, einen Satz auszusprechen, den er unter dem Eindruck des Turniers vermieden hätte: „Das Ergebnis ist mir nicht so wichtig wie die Erkenntnisse.“

Er sagt das über das heutige (20.45 Uhr/RTL) vorletzte Länderspiel 2018, das gegen Russland. Es ist wie das gegen Peru in Sinsheim eines auf Freundschaftsbasis. Das gegen die Südamerikaner hätte Joachim Löw aber nicht verlieren dürfen, da hätte sich die Kritik an ihm so gesteigert, dass alles möglich gewesen wäre – auch eine Trennung seitens des DFB.

Gegen Peru gewann Löws Mannschaft, in vier Spielen seit der Weltmeisterschaft war das das einzige Mal. In der Nations League lautet die Bilanz: ein Unentschieden, zwei Niederlagen. Derzeit ist die DFB-Auswahl Letzter in ihrer Dreier-Gruppe, das Höchste, was sie noch erreichen kann, ist es, Zweiter zu werden und nicht abzusteigen. Es hängt davon ab, wie am Freitag die Partie Niederlande – Frankreich ausgeht. Bei einem holländischen Sieg wäre Deutschland weg. Das abschließende Spiel gegen die Niederlande am Montag in Gelsenkirchen wäre eine sehr traurige Veranstaltung.

Doch Löw ist wieder Jogi Cool. „Vielleicht haben wir den Fehler gemacht, die Nations League zu hoch zu hängen.“ Neuer Wettbewerb, den keiner so richtig wollte und dessen Modus kaum jemand kannte, bevor es im September losging. Ein Abstieg hat nichts Zerstörerisches wie einer in einer richtigen Liga, er ist eine Panne, die anderen auch widerfährt. „Dann spielt man 2020 halt unten und kann wieder aufsteigen“, sagt Löw.

Er hat schon ein anderes Ziel gefunden, um das es erst 2019 geht. Wichtig ist dann „die Qualifikation zur Europameisterschaft 2020“. Der Bundestrainer sagt, dafür habe er den Umbruch eingeleitet: „Der Prozess findet statt.“ Und zwar seit dem letzten Spiel im Oktober in Paris. Kurz zuvor hatte er es in Amsterdam gegen die Niederlande nach altem Muster und mit der Aufstellung versucht, in der sich die Hierarchie im Kader spiegelte – doch nach dem 0:3 stellte Löw um. Personell und konzeptionell. Jünger wurde die Mannschaft. Und schneller. Die Offensivreihe bildete das Trio Timo Werner, Leroy Sane und Serge Gnabry – die drei Sprinter im Team.

Es liegt nahe, dass er sie wieder spielen lässt. Beide Male. Es kann passieren, dass Thomas Müller sich also wieder auf der Bank findet. Löw wird den Münchner aber nicht grundsätzlich fallen lassen, das stellt er schon auch klar. Die Argumentation des Bundestrainers: Im Umbruch braucht es „reife und erfahrene Kräfte, wir haben nicht mehr viele davon“, bei Thomas Müller erkenne er sehr wohl die schweren Phasen, glaubt aber weiterhin, „dass er Spiele entscheiden kann“.

Es könnte eine rekordverdächtig junge Elf sein, die in Leipzig aufläuft. Marco Reus, der gesetzt wäre, hat sich im Dortmunder Spitzenspiel gegen die Bayern am Samstag verletzt. „Geprellter Mittelfuß, geschwollener Knöchel“, informiert Löw – und es hört sich mal wieder nicht so gut an. Mit Toni Kroos von Real Madrid ist er ohnehin übereingekommen, dass der erst am Freitag anreist. Kollege Stanislav Tschertschessow von den Russen meint, dass das WM-Projekt seines alten Freundes Jogi Löw vor allem darunter gelitten hat, „dass die Deutschen viele Nationalspieler haben, die durch die Champions League überstrapaziert waren“.

„Stani“ Tschertschessow ist ein Fürsprecher, auf den Löw sich verlassen kann – auch wenn sich die beiden in den Tagen in Leipzig noch gar nicht begegnet sind. Letztes Treffen war bei einem FIFA-Trainerkongress im September. Thema ihres Gesprächs? Löw: „Skifahren in Innsbruck.“ Dafür ist bald Zeit – auch wenn Löw im Amt bleibt. Nächstes Länderspiel: Ende März.

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