München – Zumindest Werner Schuster hatte die Sache mal wieder schon vorher geahnt. „Man merkt schon“, so gab der Bundestrainer der deutschen Skispringer mit Blick auf Andreas Wellinger zu bedenken, „es macht etwas mit einem, dieses Olympia.“
Der alles überstrahlende deutsche Flieger war Wellinger bei den Spielen in Pyeongchang gewesen. Und nun? Der Münchner trainierte ja gut, trainierte „brav“, wie sein Coach befand. Alleine der Effekt blieb bislang aus. Auf den Mattenschanzen des Sommer Grand Prix bewegte er sich in den unauffälligen Bereichen jenseits von Platz 20. Schuster beunruhigt das vorerst nicht. „Der Andi“, so sagte er, „ist einer, der sich in der Wettkampfphase normalerweise steigert.“
Wobei die jugendliche Unbekümmertheit des 23-Jährigen, der mit dem Teamspringen am Samstag in Wisla (16 Uhr/ARD) bereits in seine siebte Weltcupsaison geht, in diesem Jahr auf die bislang größte Probe gestellt wird. Das Jahr danach ist für die fliegenden Lichtgestalten Olympias ja ohnehin gerne eine knifflige Angelegenheit. Der letzte, der auf Einzel-Gold unter den fünf Ringen im Folgewinter auch den WM-Titel draufpackte, war Jens Weißflog. Der Sachse flog nach Gold und Silber in Sarajevo 1984 auch noch zum WM Titel in Seefeld. Mehr als drei Jahrzehnte ist das her.
Wellinger hatte ja eigentlich gedacht, dass er das Erlebnis Olympiasieg schneller würde abschütteln können. Den Empfang in der alten Heimat Ruhpolding hat er auf das Frühjahr verlegen lassen und sich nach der Rückkehr aus Südkorea erst einmal für einige Tage zuhause vergraben. „Ein bisschen runterkommen“, wie er sagte. Doch statt wie erhofft mit dem polnischen Springer-König Kamil Stoch noch um den Gesamtweltcup zu rangeln, trudelte Wellinger durch den Rest der Saison. Die große Leichtigkeit ist bislang dahin.
Wobei es ja nicht so ist, dass der Hobby-Surfer die goldene Welle nach Olympia nicht auch genossen hätte. „Das Interesse an deiner Person ist ja schon etwas Cooles“. Zumal ihm der Medaillenrausch von Pyeongchang auch Erlebnisse eingebracht hat, die ihm ansonsten wohl versagt geblieben wären. Im Sommer durfte Wellinger mit seinem Herzensverein FC Bayern auf USA-Reise gehen. Den Kickern hielt der Mann, der zuhause noch ein goldenes Roy-Makaay-Trikot im Kleiderschrank hat, eine Motivationsrede. Ein paar Worte nur über Mentalität und Trainingsmethoden hatte sich Wellinger vorgenommen – am Ende „habe ich ihnen eine Dreiviertelstunde Text reingepresst“. Was hängen blieb ist nicht bekannt – immerhin wissen die Kollegen Fußballer nun, dass man ziemlich problemlos auf einem Petziball balancieren kann.
Man kann es ihm schon abnehmen, dass ihn die Woge des öffentlichen Interesses nicht verändert hat. „Ich bin immer noch der gleiche Andi Wellinger wie vorher“, sagte er. Aber der Olympiasieg hat eben auch Erwartungen geweckt. So mancher wollte ihn nun langsam aber sicher in einer Führungsrolle sehen. Aber da könnte ihm die neue deutsche Skisprungblüte in die Karten spielen. Mit Richard Freitag hat Wellinger schon im letzten Jahr einen kongenialen Mitstreiter gehabt – der Wahl-Oberstdorfer geht mit den wohl größten Hoffnungen in den deutschen Reihen in die erste Saisonphase.
Und dann ist da ja auch noch Severin Freund. Wisla lässt der zweite Münchner im DSV-Ensemble noch aus, doch in Kuusamo wird Freund nächste Woche nach nun zwei überstandenen Kreuzbandrissen sein Comeback im Weltcup wagen. Kein Zufall, auf dem finnischen Bakken flog der 30-Jährige vor zwei Jahren seinen bislang letzten Einzelerfolg im Weltcup sein. Viel erwarten will der Neu-Vater in den ersten Auftritten zwar noch nicht. Doch wenn er zumindest halbwegs an die alte Form anknüpft. hätte Bundestrainer Werner Schuster eine weitere große Trumpfkarte vor allem für die WM im nahe gelegenen Seefeld in seinen Reihen.
Und Wellinger einen Rivalen, der auch ihm selbst gefährlich werden könnte. „Man kann nicht so schnell schauen, schon ist bei uns der nächste da“, sagte er, „und wenn man dann zu überlegen beginnt, dann ist es wahrscheinlich schon zu spät.“