Leipzig – Blöd ist die Situation natürlich schon: Vieles hängt davon ab, wie heute Abend in der Nations League die Niederlande und Frankreich gegeneinander spielen und ob Deutschland danach in diesem neuen Wettbewerb gescheitert ist oder am Montag im Direkt-Treff mit Oranje noch eine Chance auf den Klassenerhalt hat. Denn gestern Abend waren die Fußballfans im schwer enttäuschten Ex-Weltmeisterland gewillt, die deutsche Elf zu knuddeln vor Freude über den Wandel: Mit Leichtigkeit kam sie zu einem 3:0 (3:0)-Erfolg über Russland. Da würde der Abstieg unpassend kommen.
Es war im Vorfeld der Partie abzusehen gewesen, dass diese Russen weder personell noch was die Form betrifft, vergleichbar wären mit denen, die sich bei ihrer Heim-WM ins Viertelfinale gerannt hatten. Es gab Rücktritte, Spieler sind aktuell verletzt, und wichtiger ist Russland die Nations League, da spielt man nächste Woche in Schweden, ist zweitklassig, aber mit guter Ausgangslage, in die höchste Division aufzusteigen, die die Deutschen vielleicht verlassen müssen.
Joachim Löw hat sich mit seiner Aufstellung weit von dem entfernt, was noch vor einem Monat beim 0:3 in Amsterdam verlorenen Spiel gegen die Niederlande seine erste Wahl gewesen war. Die Elf vom Oktober ist im November nur noch ein nostalgisches Zitat, die Erneuerung drückt sich am deutlichsten darin aus, dass es nur noch zwei Weltmeister von 2014 in die Startelf schafften: Torhüter Manuel Neuer und der in Brasilien (wie auch in Russland) ohne Einsatzminute gebliebene Matthias Ginter.
Viele ältere Helden hat Löw eh schon nicht nominiert, zwei der letzten, Mats Hummels und Thomas Müller, mussten auf die Bank (Müller kam in der 73. Minute). Hinten wurde Niklas Süle zum Bestimmer in der Abwehr, vorne wirbelten die bereits beim 1:2 in Frankreich (nach dem Holland-Desaster) positiv aufgefallenen Leroy Sane, Timo Werner und Serge Gnabry. Das deutsche Spiel hatte seine Umständlichkeit des Jahres 2018 abgestreift. Bemerkenswert, wie in der 40. Minute zum 3:0 auf der Direttissima gespielt wurde. Süle – Kai Havertz – in der Spitze Serge Gnabry, der Ball flog schneller übers Feld, als ein Mensch laufen kann.
Auch die beiden vorangegangenen Tore waren sehenswerte Stücke gewesen. Das 1:0: Eine flotte Kombination über Thilo Kehrer und Gnabry fand Sane in Abschlussposition (8.). Beim 2:0 machte Niklas Süle wenig Federlesens, als ihm im Anschluss an eine Ecke der Ball vor die Füße fiel. Er haute ihn rein (25.). „Wann haben wir schon mal drei Tore in einer Halbzeit gesehen?“, fragte DDR-Legende Joachim Streich.
Für angemessene Stimmung war die Leipziger Arena zu dünn besetzt, ganze Blöcke blieben leer, als wäre der DFB zu einem Geisterspiel verurteilt.
Jetzt wird es spannend zu sehen, wie Löw am Montag aufstellt, falls es gegen die Holländer noch um den Klassenerhalt gehen sollte: Toni Kroos, der heute anreist, und Marco Reus könnten reinkommen. Der von den Russen übel zusammengetretene Hector muss ersetzt werden. Einige Minuten spielten die Deutschen sogar zu neunt im Feld, bis Ersatzmann Nico Schulz aufgewärmt war.
Die deutsche Mannschaft hatte die Sache im Griff, obwohl sie die erlaubten sechs Wechsel vollzog, Russland war einfach nur bieder. Lediglich einmal kurz nach der Pause ließ sich die DFB-Abwehr austanzen. Es blieb aber folgenlos. Wenigstens diesmal.