London – In großen Buchstaben prangte die Botschaft auf der Leinwand. „Welcome to a NEW WORLD of Tennis“ stand da – willkommen in einer neuen Tenniswelt. Seit Monaten geisterte die Idee eines neuen Wettbewerbes im Männertennis durch die Szene, nun ist die Sache offiziell. Vom 3. bis 12. Januar 2020 wird in Australien der erste ATP Cup stattfinden, Mannschaften aus 24 Nationen werden um ein Preisgeld von 15 Millionen US-Dollar und um 750 Punkte für die Weltrangliste spielen. ATP-Chef Chris Kermode und der Chef des Australischen Tennisverbandes, Craig Tiley, fühlten sich sichtlich wohl in der Rolle der Taufpaten im Kino Nummer zehn der Londoner O2 Welt, doch nach dem Ende der Präsentation blieben viele Fragen offen.
Die Idee dieses Mannschaftswettbewerbes ist nicht neu. Von 1978 bis 2012 wurde im Düsseldorfer Rochus Club um den so genannten World Team Cup gespielt, wobei es dabei allerdings nicht um Punkte für die Weltrangliste ging. Kermode sagt, seit viereinhalb Jahren hätten ATP und Tennis Australia an der Idee der Neuauflage gearbeitet, verbunden mit der Vorgabe: Wie können wir diesen Wettbewerb wiederbeleben und ihn noch größer machen?
Der World Team Cup war bei Spielern und Zuschauern gleichermaßen beliebt; er bot den Profis Mitte Mai eine gute Gelegenheit, sich in ansprechender Form ohne allzu viel Stress auf die kurz danach beginnenden French Open vorzubereiten. Der neue Wettbewerb liegt strategisch ebenso günstig kurz vor Beginn der Australian Open. Allerdings wird nicht nur in einer, sondern in drei Städten gespielt. Welche Städte das sind, wird man spätestens bis zum Ende der Australian Open 2019 erfahren.
Eine der großen Fragen ist, wie die Co-Existenz von ATP Cup und Davis Cup aussehen soll. Oder ob es auf die Dauer überhaupt eine Co-Existenz geben kann. Die erste Auflage des neuen Davis Cups soll vom 18. bis 24. November 2019 in Madrid über die Bühne gehen, nur sechs Wochen später wird um den ATP Cup gespielt. Am Tag vor der Präsentation des neuen Wettbewerbes sagte Novak Djokovic zu dieser Konstellation: „Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass das gut für unseren Sport ist. Dann werden wir zwei Wettbewerbe haben, die durchschnittlich sind.“ Wie viele Spitzenkräfte in einem Jahr in Madrid um den ersten neuen Davis Cup spielen werden, ist nicht abzusehen; Alexander Zverev, zum Beispiel, hat bereits erklärt, dass dieses Finale ohne ihn stattfinden wird.
Dass Djokovic gestern neben Kermode und Tiley auf der Bühne saß und wie der US-Kollege John Isner darüber sprach, wie sehr er sich auf den ATP Cup freue, vermittelt eine Ahnung, wo die Präferenzen der Spieler liegen. Kermodes Antwort zu dem Thema klang nur an der Oberfläche verbindlich. „Auch ohne ATP Cup würde dem Davis Cup die richtige Woche fehlen. Wir sind sehr offen und zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden werden.“ Was übersetzt in die Realität nichts anderes heißt als das: Wir haben einen schönen Termin – seht zu, dass ihr auch einen findet. Aber es wird ja nicht nur zwei Team-Wettbewerbe im Männertennis geben, sondern inklusive des Laver Cups drei. Auch daran ist Tennis Australia beteiligt.
Kollege Kermode findet im Übrigen nicht, die Arbeitslast der Spieler werde durch den ATP Cup erhöht. „Wir fügen dem Turnierkalender ja nichts hinzu“, sagt er. „Gäbe es uns nicht, wären die Spieler zur gleichen Zeit bei anderen Turnieren.“ Die traditionellen australischen Tourstops in Brisbane und Sydney wird es dann wohl nicht mehr geben, auch nicht den Hopman Cup in Perth.
Das betrifft nicht nur die Männertour. Beim Hopman Cup spielen ein Mann und eine Frau aus einem Land in einem Team, und dieses System funktionierte 30 Jahre lang wunderbar. Vielleicht wäre es schlau gewesen, wenn sich die ATP und die Frauenvereinigung WTA gemeinsam Gedanken gemacht hätten. Vielleicht sogar in Kooperation mit dem Weltverband ITF, der sich um Davis Cup und Fed Cup kümmern muss. Aber von einem großen, durchdachten Plan sind alle Beteiligten offensichtlich weiter entfernt denn je.