Popularität statt Gold

von Redaktion

Karl Schranz feiert 80. Geburtstag und hat seinen Frieden mit Olympia geschlossen

Wien – Wenn ein Goldfavorit mit leeren Händen von Olympischen Spielen heimkehrt und dennoch von 100 000 Menschen frenetisch gefeierte wird und sogar Kinder schulfrei bekommen, um den Ski-Helden einen triumphalen Empfang auf dem Wiener Ballhausplatz zu bereiten, muss etwas Besonderes passiert sein. Karl Schranz war von den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo ausgeschlossen worden, das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte ihn vor dem Start wegen Verletzung der Amateur-Regel disqualifiziert. Der damals 33-jährige Skirennläufer hatte zuvor bei einem Benefiz-Fußballspiel ein Trikot mit Werbeaufdruck getragen. Der spektakuläre Ausschluss brachte ihm weltweite Schlagzeilen, ungeahnte Sympathien in der Heimat und vermutlich sogar mehr Jubel ein als eine Goldmedaille um den Hals. „Die Popularität hätte ich gern gegen Gold eingetauscht“, sagt Österreichs Ski-Legende, der am Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert.

Die Geschichte von Schranz ist eine Begegnung mit einer fernen, inzwischen fremden Welt. Das IOC hielt unter seinem damaligen Präsidenten Avery Brundage beinhart daran fest, dass ein Olympia-Sportler kein Geld mit Sport verdienen dürfe. Nach dem Verständnis des IOC-Präsidenten war der Spitzensport dazu da, den Charakter zu bilden, aber nicht das Konto zu füllen.

An ihm, der in der Szene als eingebildeter und eher undiplomatischer Einzelgänger galt, sei ein Exempel statuiert worden, meint Schranz. Aus Solidarität wollte das komplette österreichische Olympia-Team abreisen, was der Ausgeschlossene aber ablehnte.

Er selbst bekam nach eigenen Worten umgehend teils millionenschwere Angebote von Zeitungen und TV-Sendern, denen er „die wahre Geschichte über Olympia“ exklusiv erzählen sollte. Er sei überfordert gewesen, alle Konsequenzen zu überblicken, gibt er zu. Der Fall Schranz war aber eine entscheidende Weiche. Die Amateur-Regel fiel 1981 weitgehend. „Die Doppelmoral ist vorbei“, bilanziert Schranz.

Er verbuchte in seiner 17-jährigen Karriere rund 150 Siege, wurde dreimal Weltmeister und gewann zweimal den Gesamtweltcup. Bei den Winterspielen 1964 in Innsbruck holte er seine einzige Olympia-Medaille: Silber im Riesenslalom. Unbedingter Siegeswille und genaue Analyse der Strecken seien die Grundlage für seine Erfolge gewesen, sagt er.

Verletzt hat sich Schranz fast nie. Aber eben nur fast. Vor Olympia 1960 in Squaw Valley bohrte sich beim Training eine zerbrochene Slalomstange in seine Hoden. „Wäre ich nicht ein bisschen hochgesprungen, hätte sie meinen Bauch getroffen“. Bei den Olympischen Spielen in Grenoble 1968 hatte er als vermeintlicher Sieger des Slaloms schon die Blumen in der Hand, als er in letzter Minute wegen eines umstrittenen zweiten Durchgangs disqualifiziert wurde.

Trotz allem hat der Österreicher seinen Frieden mit Olympia gemacht. „Fast alle IOC-Präsidenten haben sich später entschuldigt.“ Von Juan Antonio Samaranch erhielt Schranz schließlich als Versöhnungsgeste eine Goldmedaille ehrenhalber.

Seit Jahrzehnten ist Schranz Hotelier in St. Anton. „Die jungen Gäste kennen mich gar nicht mehr“, sagte er. Er selbst kennt allerdings einen der mächtigsten Männer der Welt. Als Russlands Präsident Wladimir Putin 2001 die Ski-WM in St. Anton besuchte, nahm er Privatstunden bei Schranz. Die Chemie stimmte, und Putin bot ihm im Sessellift das „Du“ an. 2014 half der Tiroler dem Russen bei der Organisation der Winterspiele in Sotschi. Immer wieder treffen sich die beiden – auch zum Skifahren. „Meist aber in Russland und nicht am Arlberg“, sagt Schranz.  sid

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