München – Die Turn-WM in Doha vor drei Wochen verlief nicht nach Wunsch für den Unterhachinger Marcel Nguyen. Aber der 31-Jährige hat bei Wettkämpfen zuletzt gezeigt, dass er noch mithalten kann. Am Wochenende geht es beim Weltcup in Cottbus um Punkte für die Olympia-Qualifikation.
Wie geht es der angebrochenen Rippe? Die hatte Sie bei der WM im Oktober in Doha sehr behindert. Zuletzt allerdings war davon nicht mehr viel zu bemerken.
Es hat genau sechs Wochen gedauert. Es war eine relativ unangenehme Sache. Deshalb war keine optimale Vorbereitung auf die WM für mich möglich. Ich habe mir dann fast schon gedacht, dass es nicht so perfekt laufen wird und für die Finals mit den Übungen, die ich turne, für die einzelnen Geräte nicht reichen wird. Mit den Siegen beim Gander-Memorial und gemeinsam mit Eli beim Swiss Cup habe ich aber gezeigt, dass ich gesund noch mithalten kann. Das war auch für das Selbstvertrauen und die Motivation für die kommenden Jahre extrem wichtig.
Sie waren und sind ja nicht der einzige Verletzte oder Angeschlagene gewesen in der Mannschaft bei der WM. Haben Sie sich deshalb entschieden, auch im Mehrkampf anzutreten?
Wir haben viele Verletzungen und wenige Leute, das ist ein Problem. Ich wollte der Mannschaft helfen, denn wir wollen uns für die Olympischen Spiele 2020 qualifizieren, und Doha war der erste Schritt dahin.
Gab es Gedanken, etwas wegzulassen?
Vor dem Mehrkampffinale habe ich mich kurz mit meinem Trainer besprochen, ob ich es absagen soll, aber im Endeffekt kam es auf einen Wettkampf mehr auch nicht an. Außerdem hat man international nicht so oft die Chance, gegen die Konkurrenz zu turnen. Jeder Wettkampf ist eine gute Sache, deshalb habe ich das Mehrkampffinale doch noch mitgenommen.
Nächstes Jahr ist die Heim-WM in Stuttgart. Woran müssen Sie noch arbeiten, dass Sie wieder vorne dabei sein können?
An ein, zwei Geräten kann ich mit den Leuten an der Weltspitze schon noch mithalten. Gerade am Barren, da habe ich es im letzten Jahr in Montreal auch ins Finale geschafft. Der erste Platz wird sicher schwer, aber ansonsten bin schon noch auf Augenhöhe mit den Besten. Von meinem Ausgangswert her bin ich, denke ich, Top 5 der Welt. Ich brauche einfach eine gute Vorbereitung, und ich muss verletzungsfrei bleiben. Das ist das Wichtigste, sonst funktioniert es nicht.
Unabhängig von den Verletzungen der deutschen Männer scheint es, dass die ganz glorreichen Zeiten vorbei sind. Liegt es daran, dass das Niveau in Deutschland gesunken ist? Oder sind die anderen Nationen so viel besser geworden?
Beides würde ich sagen. Der Nachwuchs ist bei uns auch nicht so stark wie in den anderen Nationen. Wenn ich mir die Russen anschauen, die sind alle 20, 21, 22, 23 Jahre und extrem stark, die Chinesen sowieso. Aber es liegt auch ein bisschen daran, dass es jetzt ein Mann weniger in der Mannschaft ist und einer weniger in die Wertung kommt, also nur noch drei pro Gerät. Das ist gut für kleinere Nationen, die nicht so breit aufgestellt sind und nur zwei, drei richtig gute Turner haben Im letzten Jahr mit noch fünf Turnern in der Mannschaft hätten sie keine Chance gehabt.
Die einzige deutsche Medaille bei der WM holte Elisabeth Seitz. Haben die Frauen den Männern mittlerweile den Rang abgelaufen?
Die Frauen sind sehr gut. Ich würde schon sagen, dass die im Moment besser aufgestellt sind als wir. Sie haben mehrere Turnerinnen, die Medaillenchancen haben. Letztes Jahr hat Pauline Schäfer WM-Gold geholt, geholt, 2016 Sophie Scheder bei Olympia Bronze und dieses Mal Eli Bronze. Wir haben mindestens drei Turnerinnen, die eine Medaille holen können. Das ist bei uns zurzeit schwierig.
Fabian Hambüchen hat gesagt, dass die Jungen jetzt Gas geben müssen. Stimmen Sie ihm zu?
Das weiß ich gar nicht, dass er das gesagt hat. Unabhängig davon wäre dies aber auch zu einfach gedacht. Das ist nicht der Hauptgrund. Wir haben einfach relativ wenig Nachwuchs. Wenn ich mir andere Nationen anschaue, die haben viele Leute, die direkt den Sprung von den Junioren zu den Senioren schaffen und damit die Älteren entlassen. Insgesamt fehlt uns die Breite. Es sind einfach zu wenige, die oben ankommen. Da muss man sich mal fragen, warum das so ist.
Haben Sie eine Erklärung?
Mit Sicherheit gibt es viele Faktoren. Ich denke, man muss eine veränderte Nachwuchsarbeit anstreben. Vielleicht ist der Sport mittlerweile zu unattraktiv, weil er sehr trainingsintensiv ist. Und da die Olympiamannschaft jetzt nur noch aus vier Leuten besteht, denken sich die Jungen, die 12 und 13 sind, vielleicht: Warum soll überhaupt noch weitermachen? Die Chancen, zu Olympia zu kommen, sind sowieso gering. Die Mannschaft wurde ja schon zum zweiten Mal reduziert, 2008 waren wir zu sechst, jetzt sind es vier. Das ist sicher auch mit ein Grund, warum die Jungen den Ehrgeiz verlieren.
Zu den Jungen gehört auch Felix Remuta aus Unterhaching. Was trauen Sie ihm zu?
Mit Felix kann man sicher in der Zukunft rechnen. Er hat auch angefangen, in Stuttgart zu trainieren und ist in meiner Trainingsgruppe. Er macht wirklich gute Fortschritte.
Sie sind ein Vorbild für ihn?
Vorbild weiß ich nicht, aber ich kann ihm ein bisschen zeigen, wo es lang geht, was ihn erwartet. Ich versuche, ihn so gut es geht zu unterstützen und würde mich freuen, wenn er das nächste Mal auch in der Mannschaft stehen würde.
Wie hat sich Ihre Rolle verändert, nicht nur national, auch international? Sie gehören ja jetzt zu den Älteren.
Im Mehrkampf war ich bei der WM tatsächlich der Älteste. Aber ich treffe schon noch immer Leute mit den ich früher schon geturnt habe. Es gibt auch welche, die gehen schon auf die 40 zu. Ich falle da also noch nicht ganz so auf.
Verändert sich das Training im Laufe der Jahre?
Man muss mehr darauf achten, was der Körper sagt. Das merke ich schon. Da ich auch die Bewegungsabläufe schon sehr oft gemacht habe, schaue ich eben, dass ich vielleicht nur noch drei gute Versuche macht statt zehn mittelmäßige. Der Aufwand ist jetzt ein anderer, man hat mehr Vorbereitungs- und Regenerationstraining, auch um Verletzungen vorzubeugen.
Was treibt Sie noch an?
Ich habe noch zwei Ziele, nächstes Jahr die Heim-WM in Stuttgart und dann noch Tokio, dann könnte es das vielleicht schon für mich gewesen sein. Es ist wichtig, egal, was man macht, ein Ziel vor Augen zu haben, das man auch halbwegs realistisch erreichen kann.
Das erste von noch zwei großen Zielen ist also die Heim-WM in Stuttgart. Ist sie schon sehr präsent?
Ja, schon. Wir hatten bei der Weltmeisterschaft eine kleine Zeremonie, so eine Art Staffelübergabe an Stuttgart. Und in Stuttgart hatten wir schon ein paar Pressetermine. Außerdem ist die Halle, in der nächstes Jahr bei der WM geturnt wird, gleich neben meiner Trainingshalle. Man spürt schon einen Hauch von WM.
Für Sie schließt sich ein Kreis. Denn bei der letzten Turn-WM in Stuttgart 2007 begann mit Bronze im Team eine Ära. Noch einmal eine Medaille 2019, das wäre doch der perfekte Abschluss?
Sicher, es haben nicht viele Sportler das Glück, bei zwei Weltmeisterschaften im eigenen Land teilzunehmen. Das wäre definitiv ein besonderes Privileg.
Aber dann wollen Sie ja noch nach Tokio? Ihr ganz großes Ziel ist ja immer noch eine Olympiamedaille mit dem Team. Ist das noch realistisch?
So wie es gerade im Moment läuft, wird es sehr schwierig, aber jetzt schauen wir erst einmal, wie wir da überhaupt hinkommen.
Fabian Hambüchen hat ja in seinem letzten großen Wettkampf, bei Olympia in Rio de Janeiro, Gold geholt. Hoffen Sie darauf, dass Ihnen das auch gelingen könnte?
So ein Abschluss wäre natürlich ein Traum. Klar, man hat es im Hinterkopf. Aber es ist nichts, woran ich jeden Tag denke.
Interview: Elisabeth Schlammerl